Der langweilige Datenjournalismus zur Fußball-WM

Project BABB, Telegraph UK

Es gab ein Feuerwerk an Datenstücken und Interactives rund um die Fußball-WM der Männer in Brasilien: Gut zu beobachten war, wie die New York Times ihre Muskeln spielen ließ und ein Stück nach dem anderen veröffentlichte – und nicht zuletzt in den Liveblogs direkt Datenvisualisierungen einbaute.

Hier im Blog habe ich 21 Visualisierungen und interaktive Stücke zum Thema gesammelt. Handwerklich sind einige von ihnen grandios. Aber wirklich vorher Unbekanntes oder Erkenntnisreiches, etwas, das eine neue Sicht der Dinge lieferte, habe ich keines entdeckt.

Vornehmlich ging es rein um das Sportereignis an sich; nicht um ökonomische, politische oder soziale Themen, die im Zusammenhang mit dem Event stehen. Wie wäre es mit Stücken zu Geldmaschine Fifa, zu Korruption, zu Einnahmen und Ausgaben des Staates Brasilien, über Reisewege der Fans inklusive C02-Ausstoß usw. usf. gewesen?

Aber es ging eben nur um das Spiel, vielleicht auch Ausdruck davon, dass in den Redaktionen viele Fans sitzen. Neben einer Liste aller Spieler diente als zweite vorwiegend verwendete Datenquelle die Firma Opta (zur Messung von Daten bei Fußballspielen habe ich im Blog vor einigen Jahren hier geschrieben). Einen Diskurs über die Qualität dieser Daten oder ein Hinterfragen der Datengenese des Quasi-Monopolisten ist mir nicht bekannt; das gilt auch für die Daten der FIFA. (Update: In einem Kommentar unten wird auf diesen Text hingewiesen: “6 Gründe warum Spiegel Onlines ‘Fussballdaten’ problematisch sind”.)

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Die substantiellen Probleme von Spiegel Online

spUnbestritten ist Spiegel Online eines der führenden Nachrichtenportale im deutschsprachigen Raum. Warum eigentlich und vor allem: Wie lange noch?  Es scheint, als ob sich auf den Lorbeeren des Grimme Online Awards von 2005 ausgeruht wird. Den begründete dessen Jury damals so: “Stets war das Angebot auf der Höhe der Zeit, ohne die Inhalte unter technischen Experimenten zu verdecken.”

Ja, technische Experimente kann man SpOn tatsächlich nicht vorwerfen. Aber das ist einer der Gründe, warum neun Jahre später nicht mehr von “auf der Höhe der Zeit” gesprochen werden kann: Vom Einsatz neuer Formate oder dem virtuosen Umgang mit Webtechnologien kann bei SpOn wahrlich nicht die Rede sein; hinsichtlich von Darstellungsformen und Herangehensweisen hinkt die Nachrichtenseite den Flagschiffen New York Times und Guardian zwei oder drei Jahre hinterher – in der Internetzeitrechnung entspricht das eben zwei oder drei Generationen. Das lässt sich erahnen, liest man etwa die Hintergründe zum NYT-CMS oder die Einträge beim Guardian Beta-Blog.

Die offenbar mangelnde Vision und Strategie wird eher früher als später ein substantielles Problem für SpOn darstellen.

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Sammlung: Datenstücke zur Fußball-WM 2014

Rund um die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2014 in Brasilien werden mehr und mehr datenjournalistische und interaktive Stücke veröffentlicht.

Eine fortlaufend ergänzte Sammlung:

Spiegel Online: Die Abrechnung (16.7.) – Interactiveabrechnung

Twitter: Replay #worldcup2014 (15.7.) – Interactivereplay

B. Morgenpost: Die WM der Selfies (14.7.)  - Interactiveselfies

EconomistEvery goal scored in the football World Cup, by minute (2.7.) – Interactive goaaaal

Zeit Online: WM-Fieberkurven auf Twitter (27.6.) – Interactivekurve

NYT: 984 Ways the United States Can Advance (26.6.) – Interactiveuswins

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Tausche Daten gegen Demokratie

pen Micro Data: Offener Zugang auf alle Forschungsdaten für den Journalismus

Vorlage: Open Knowledge Definition

Um Open Data steht es in Deutschland schlecht. Nur zaghaft und geringfügig stellen Staat, Politik und andere Institutionen der Öffentlichkeit Daten offen zur Verfügung. Für eine Res publica wie Deutschland ist das schädlich. Die Daten, die man bräuchte, um relevanten Journalismus zu betreiben und die Mächtigen zu kontrollieren, sind oft schlichtweg nicht zu bekommen.

Deshalb müssen wir klar machen, wie weit wir von wahrem Open Data noch entfernt sind und es selbstbewusst einfordern. Ich habe das gerade auf Einladung des Rates für Sozial und Wirtschaftsdaten (RatSWD) auf deren großer Jahreskonferenz, 6KSWD, getan. Dort habe ich eine kleine Utopie vorgestellt und gefordert, dass Staat und Wissenschaft dem (Daten-)Journalismus ihre Daten auf Mikroebene zur Verfügung stellen sollten: Journalisten könnten dann mit den Daten auf Einzelpersonen-Ebene arbeiten (zum Beispiel den Daten aller einzelnen Rentner mit ihren kompletten, von der Rentenversicherung gespeicherten Angaben – allerdings am Ende anonymisiert). Ein Monopol von Wissenschaft oder Behörden auf Mikrodaten gibt es nicht. Sie gehören in einer Demokratie dem Volk.

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In eigener Sache: Björn Schwentker wird hier Autor

Foto: Nicole Sturz

Foto: Nicole Sturz

Ab sofort schreibt Björn Schwentker regelmässig hier auf datenjournalist.de. Der Hamburger ist gut bewandert in Statistik; sein Steckenpferd ist Demografie – siehe sein demografie-blog.de; bei Twitter ist er @BSchwentker.

Björns Motto:

“Wer die Daten kontrolliert, hat die Macht. Wir brauchen einen Journalismus, der diese Macht demokratisiert.”

Eine erster Beitrag von ihm findet sich bereits hier auf datenjournalist.de: Tausche Daten gegen Demokratie .

Willkommen Björn.

Fünf Gründe, warum ich von dem Krautreporter-Konzept enttäuscht bin

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  1. Präsentation
  2. Team & Themen
  3. Webtechnologie
  4. Bezahlverfahren
  5. Informationspolitik

[Update, 14.05.2014: Es gibt ein Blog bei Krautreporter, dort werden div. Fragen beantwortet]

Gleich heute morgen habe ich das Abo für 60 Euro bei Krautreporter abgeschlossen; ehrlich gesagt auch deswegen mit leichtem Herzen, weil ich es für nicht unwahrscheinlich halte, dass das Crowdfunding scheitert. Ich habe es aber unterstützt, weil ich mir wünschen würde, dass so eine Art Vorhaben gelingt, auch wenn mich das konkrete Beispiel wenig begeistert.

Vergangenen Sonntag hatte ich schon über mögliche Gründe für das Gelingen bzw. Scheitern geschrieben; hier folgen jetzt fünf Aspekte, warum ich unterwältigt bin:

1. Präsentation

Das Ganze wirkt etwas lieblos. Das Design der Website ist schlicht bzw. minimal, aber es fehlt offensichtlich der Touch eines Designers, es wirkt etwas grobschlächtig. Zu finden sind ein zentrales Video und dann noch einmal 28 für jedes einzelne Teammitglied. Also viele “Talking Heads”, etwa 60 Minuten zum Anschauen. Ob die Fahrstuhlmusik hinter dem zentralen Promovideo sein muss, nur weil Apple & Co auch immer so Musik haben, ist wohl Geschmacksache. Aber wie wäre es mit einer originellen Idee gewesen, in dem Video etwas anders zu machen, als ein paar Leute aus dem Team beim Reden aus ein paar Perspektiven zu zeigen?

Weder erfährt man in der schriftlichen Beschreibung auf der Website, wann es eigentlich los gehen soll, falls es klappt – noch wofür das Geld ausgegeben wird. Wie genau wird das im Web laufen, gibt es Apps usw. usf.? Und wenn man im FAQ seinen Namen für erklärungswürdig hält, dann kann der so gut nicht sein bzw. man ist selbst nicht davon überzeugt.

Erstes Fazit: Das Produkt und Projekt bleibt etwas nebulös.

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900.000 Euro per Crowdfunding: Warum das Vorhaben von Krautreporter gelingen oder scheitern kann

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Heute am Sonntag macht ein Vorabmeldung bei Spiegel Online die Runde: Das Crowdfundingportal “Krautreporter” will innerhalb eines Monats 900.000 Euro einsammeln. Das klingt gewaltig; eine Summe, die in Deutschland für so etwas noch nie per Crowdfunding eingesammelt wurde und die für Skepsis sorgen dürfte. Übermorgen, am Dienstag, den 13. Mai, soll es bei Krautreporter losgehen.

Ich hatte mich neulich mit einem der Initiatoren über das Vorhaben unterhalten; deshalb weiß ich, dass das Projekt deutlich vom Erfolg und Konzept des niederländischen Portals De Correspondent inspiriert ist. Dessen Machern gelang es im Frühjahr 2013 mit einer beispiellosen Kampagne, innerhalb von acht Tagen ihr Ziel von 15.000 zahlenden Personen zu erreichen. Die waren bereit, im Voraus 60 Euro für ein Jahr fundierten und gut recherchierten werbefreien Journalismus (im Web) zu bezahlen. Ein lesenswertes “making of” eines der Gründer von De Correspondent findet sich hier.

900.000 für ein Jahr klingt viel; rechnet man 100.000 Euro für Büroausstattung/ Infrastruktur, Website und App-Entwicklung heraus bleiben noch knapp 70.000 Euro im Monat; davon sind noch die Kosten für Büromiete, Geschäftsführung und Redaktionsleitung sowie weitere laufende Kosten und Steuern abzuziehen –  bleiben vielleicht 45.000 Euro im Monat für die direkte Produktion von Inhalten; will man auch mal wen in die Welt schicken sowie das ein oder andere aufwendigere Projekt fahren, reicht es für etwa zehn feste Journalisten und einige Freie. Die Festen sollen – wie es im SpOn-Text heißt –  2000 bis 2500 Euro monatlich erhalten und wöchentlich dafür einen Beitrag liefern.

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Was ist eigentlich Roboterjournalismus? Teil 2: Warum die Zeit reif ist

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Seit vor rund einem Monat der erste Teil “Was die Softwaremaschinen können werden” dieser Artikelserie erschien, kündigte das deutsche Softwareunternehmen Aexea an, Sportberichte automatisch generieren zu wollen. Zudem ließ der ehemalige Chef der untergegangenen Nachrichtenagentur dapd verlauten, ein deutsches “Narrative Science” starten zu wollen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird im zweiten und letzten Teil dieser Serie dargelegt, wie die Fortschritte in der Robotik und der Ausbau des Semantischen Netzes den Roboterjournalismus begünstigen. Und welche Regeln für automatisierten Journalismus gelten sollten.

Klar, Robotik ist ein Hype – spätestens seit das IT-Unternehmen Google in jüngster Zeit reihenweise Robotikunternehmen kauft. Doch Trends und Hypes sind nicht per se schlecht oder fabriziert; sie können versanden, können aber auch berechtigter Ausdrucks des Zeitgeistes sein und manchmal auf einen epochalen Umbruch verweisen. Ist es Zufall, dass in jüngster Zeit Bücher wie „Arbeitsfrei“ oder „The Second Machine Age“ erscheinen? Werke, die die sich zumindest in Teilen der Automatisierung geistiger Arbeit widmen. Constanze Kurz und Frank Rieger, das Autorenpaar von „Arbeitsfrei“, verweisen etwa auf die Software von SAP, die ganze Geschäftsprozesse und damit auch die gesamte Struktur von Unternehmen, wenn nicht gar Branchen (um)formte.

Wandel durch Programmiererkultur

Mehr und mehr integrieren sich Redaktion und IT; vor allem wenn das Medium rein digital erscheint. Entwickler, also Programmierer – die Techniker und Ingenieure des Digitalen – erhalten Einzug in die Redaktionsräume; das wird auf Dauer die Kultur in Redaktionen ändern: Programmier haben meist ein recht pragmatisches Verhältnis zu Informationen und Kern ihrer Arbeit ist es, Arbeit durch Softwaremaschinen erledigen zu lassen. Und wer je in einer Redaktion gearbeitet hat, dem dürften etliche Arbeitsschritte und Routineaufgaben einfallen, die sich dort noch automatisieren lassen dürften. Kurz und Rieger meinen jedenfalls im Epilog ihres Buches:

“Je weniger spezielle Talente und Fähigkeiten ein Arbeitsplatz erfordert, je besser sich Resultate messen, analysieren und quantifizieren lassen, desto direkter und unmittelbarer ist der Wettlauf mit den Maschinen”

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Zum Verzweifeln: Deutsche Medien und die Krise in der Ukraine – inkl. einer kleinen Linksammlung – UPDATE

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UPDATE 5.5.2014 und Linksammlung weiter unten.

Warum scheinen eigentlich zahlreiche Medienmacher und -häuser in den letzen Monaten wie durchgedreht, wenn es um die Ukraine geht? Ist es wirklich so schwer, neutral (also unparteiisch) zu bleiben, Distanz zu halten, mit dem gebotenen Zweifel offiziellen Verlautbarungen aller Seiten und Gerüchten zu begegnen?  Ist es zuviel verlangt, dass erst Analysen und Bewertungen vorgenommen werden, wenn es dafür eine ausreichend recherchierte Basis gibt und auch genug Sachkenntnis vorhanden ist?

Beispiel: Wenn ich einen Artikel lese, wie heute (28.4.) diesen hier auf süddeutsche.de, fällt mir nicht mehr viel ein. Ist das Absicht oder Unfähigkeit? Im Vorspann des Beitrags heißt es:

“Die in der Ukraine entführten Militärbeobachter waren offiziell im Auftrag der OSZE unterwegs, um das ukrainische Militär zu beobachten”.

Im selben Beitrag wird auf ein ORF-Interview mit dem Vize-Chef der Krisenprävention der OSZE vom 25.5.2014 – dem Tag der Festsetzung des Teams – verlinkt; gleich eingangs sprach der Folgendes:

“Ich muss aber auch sagen, dass es sich genau genommen nicht um Mitarbeiter der OSZE handelt, sondern es sind Militärbeobachter, die dort bilateral unter einem OSZE-Dokument tätig sind”.

In besagtem Artikel ist auch richtigerweise nur die Rede von “europäischen Militärbeobachtern” und es wird der Hintergrund der Mission erläutert, die eben nicht im Auftrag der OSZE unterwegs war. Hier hat wahrscheinlich ein Redakteur einen Autorenbeitrag mit einem Vorspann versehen (online zumindest, in Print auch?). Fragt sich, ob es Kalkül oder schlicht Sorglosigkeit ist, dass in so einer aufheizten Stimmung so ungenau gearbeitet wird. Die Süddeutsche ist in diesem Fall wie gesagt nur ein Beispiel; ein Blick auf Google News zeigt, dass viele Redaktionen von “OSZE-Mitarbeitern” bzw. “Beobachtern” sprechen.

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Die Abwesenheit von Datenvisualisierungen und Infografiken im Wahlkampf

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Jedes Mal, wenn Wahlkampf ist, wundere ich mich, warum keine Datenvisualisierungen oder wenigstens Infografiken auf den Wahlplakaten eingesetzt werden. Formate, die in den vergangenen Jahren sowohl im Netz als auch im Print an Popularität gewonnen haben und ohne Zweifel für “Eyeballs” sorgen. Und darum geht es doch aus Sicht der Wahlkämpfer. Wer Politikern in den ewigen Talkshows lauscht, hört, wie gerne sie verbal mit Zahlen herumfuchteln. Warum also setzen sie weiterhin auf mehr oder minder müde Slogans anstatt – wenn auch knapp  - einen Sachverhalt oder Fakt mit einem Graphen oder Diagramm zu kommunizieren? Dies könnte ja auch durchaus mit einem Spruch oder etwas Augenzwinkern geschehen.

Zwar sind Infografiken mit Vorsicht einzusetzen, weil dort nicht selten das Phänomen des inhaltsleeren “Visualisation Porn” auftritt und gerne für Marketingzwecke manipulativ mit Fakten hantiert wird. Und auch Datenvisualisierung kann mit Tücken behaftet sein. So oder so: Ist eine plakative Message nicht eben die Grundidee eines Plakats? Und Wahlkampf ist nicht ausgewogener Journalismus. Dass dabei im Eigeninteresse selektiver mit Zahlen umgegangen wird, liegt auf der Hand. Trotzdem könnten mit ein paar Zahlen und Graphen etwas Inhalt, wenn nicht sogar Fakten, an die Stelle der weitgehend sinnentleerten Wahlkampfparolen treten.

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