10 Dinge, die man aus den Datenvisualisierungen der New York Times lernen kann

von Andy Kirk (Übersetzung: Mirko Lorenz)

Die Malofiej 20 Awards, bekannt als die „Pulitzers“ der Infografikwelt, zeichnen die besten publizierten Visualisierungen rund um die Welt aus. 2012 konkurrierten 1.500 Einreichungen aus dem Print- oder Online-Bereich um die prestigeträchtigen Preise.

Das „National Geographic Magazine“, dass den Preis für die beste gedruckte Karte und zwei Gold-Auszeichnungen gewann und die „Internet Group do Brasil iG“ (Gold) waren bemerkenswerte Leistungen. Doch, wie bereits in den Vorjahren, dominierte das Portfolio der „New York Times“ die Veranstaltung, mit sechs Gold-Medaillen (vier für Print, zwei für Online-Arbeiten), die beste Online-Karte und jeweils dem „Best in Show“-Preis für Print und Online-Einreichungen.

Was ist das Geheimnis des wiederholten Erfolgs der „New York Times“? Hier sind zehn Charakteristiken, die zusammen genommen in einem Designprozess dabei helfen, diese Arbeiten vom Rest zu unterscheiden.

1. Klarheit des Kontext und Zwecks

Die Festlegung des Ziels einer Visualisierung oder Infografik ist die erste Überlegung in der Entwicklung, noch bevor der kreative Prozess startet.  Geht es darum, eine Interaktion zu ermöglichen? Oder um eine individuelle Entdeckung von Daten? Geht es um die Präsentation einer Geschichte oder darum, eine Sichtweise der Redaktion deutlich zu machen? Wird die Präsentation statisch, interaktiv oder sogar ein Video? Diese wesentlichen Gestaltungsentscheidungen beeinflussen die Klarheit des Konzepts in den ersten Stufen des Prozesses und dies ist einer der Bereiche, in dem die „New York Times“ herausragt.

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2. Respekt gegenüber dem Leser

Das übergeordnete Ziel einer Visualisierung oder Informationsgrafik sollte darin bestehen, das Thema zugänglich zu machen. Es geht mehr um Klarheit als um Einfachheit. Statt die Komplexität eines Themas zu verwässsern, gilt es, die wesentliche Aussage durch eine elegante Präsentation zugänglich zu machen. Die Unmittelbarkeit der Interpretation ist dabei nicht zwingend der wesentliche Faktor bei den visuellen Gestaltungen, da einige Themen eine gewisse Zeit benötigen, um verständlich zu werden. Das ist kein Problem, so lange der Aufwand des Lesers mit einer neuen Einsicht oder Erkenntnis belohnt wird. Die „New York Times“ traut ihren Lesern Geduld, Reife und die Motivation zu, sie bietet dem Leser die Chance des Lernens aus einer Grafik. Dieses Vertrauen verbessert in der Umkehr die Qualität der Gestaltungsentscheidungen in der Redaktion.


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3. Redaktionelle Genauigkeit und Integration

Die Grafikredakteure der „New York Times“ sind nahtlos in den redaktionellen Rhythmus der Berichterstattung eingebunden. Statt Grafiken als ein nachträgliches Element oder als schlichte Erweiterung eines geschriebenen Artikels zu begreifen, erheben sich viele Grafiken zum zentralen Element einer Geschichte.

4. Klarheit der Fragen

Die starke journalistische Kultur der Grafikdesigner führt zu herausragender Klarheit der Fragen, die jedes visuelle Stück beantwortet. Die Konsequenz ist, dass die Wahl der visuellen Repräsentation, ob es nun um eine Illustration, eine Sammlung von Visualisierungselementen oder eine fotografische Komposition geht, effektiv eingebunden sowie perfekt abgestimmt wird, immer mit Blick auf die Fragen, die beantwortet werden.

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5. Datenrecherche und Vorbereitung

Eine der wichtigsten Botschaften, die von den Sprechern der „New York Times“ bei Malofiej verdeutlicht wurde, war der Aufwand für Vorbereitung und Recherche, der in die Konstruktion der Grafiken einfließt. Ob es nun um die langfristige Entwicklung von Programmier-Bibliotheken geht, die am Ende als Basis für erfolgreiche Datenzuordnung dient oder um die Nähe und Beziehungen zwischen den einzelnen Abteilungen oder aber um die Aufbereitung reichhaltiger und tiefgehender Datenquellen – die Genauigkeit der Recherche ist für jeden sichtbar.

6. Visuelle Zurückhaltung

Eine Gemeinsamkeit der Stücke der „New York Times“ ist die konsistente und identifizierbare visuelle Identität, die über Jahre hinweg zu visueller Eleganz verfeinert wurde. Die Verwendung der Farben sticht hier als direkt erkennbar heraus. Farben werden sehr zurückhaltend eingesetzt und weisen in wohldosiertem Umfang auf einen wichtigen Aspekt hin, helfen dabei, zu unterscheiden oder zu entschlüsseln – ohne, dass die Grafik zur Dekoration verkommt. Manche mögen diesen Stil als übertrieben nüchtern empfinden. Insgesamt aber ist dieser Stil auch eine Reflektion der besonderen Position der „New York Times“. Sie hat es nicht nötig, die Aufmerksamkeit der Leser auf dieselbe Art anzusprechen wie es andere Medien tun.

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7. Layout und Platzierung

Einen großen Platz auf den Seiten der „New York Times“ zu erobern, ist fast so schwierig der Kauf eines Grundstücks in Manhattan. Dennoch erscheinen die Grafiken in der Zeitung mit einer dauerhaften Kühnheit und Ambition, die sich in der Positionierung und den Dimensionen der Grafiken in der Printausgabe ausdrückt. Seien es ganze Spalten, Doppelseiten oder dramatische diagonale Layouts, die Times stellt sicher, dass jede Grafik eine perfekte Bühne bekommt, um den visuellen Bezug zum Artikel zu verstärken.

8. Vielfalt der Techniken

Während es Hinweise auf eine erfolgreiche und konsistente Formel gibt, die bei der Erstellung der Grafiken genutzt werden, zeugen der redaktionelle Ansatz und die visuelle Identität von einer großen Bandbreite verschiedener Techniken im Verbund mit Flexibilität und Vielseitigkeit. Sehr selten sieht man dieselbe Form der Präsentation noch einmal wiederholt. Jeder Beitrag ist sorgfältig konstruiert und dient dem Zweck eine überzeugende Antwort auf eine ganz spezifische Frage zu liefern oder die Bedeutung einer Story an die Oberfläche zu bringen.

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9. Technische Ausführung

Sei es eine 3D Illustration, ein „Bubble“-Chart oder eine interaktive Kart – das Grafikteam der New York Times zeigt immer wieder herausragende technische Fähigkeiten.

10. Annotierung

Amanda Cox, Grafik-Redakteurin der „New York Times“, bewertet die Texterklärungen der Grafiken als „die wichtigste Sache, die wir machen“. Durch einen überlegte Auswahl der Bezeichnungen, Einführungen, erklärenden Text und Unterzeilen, übernehmen die Gestalter der „New York Times“ die Verantwortung dem Leser während des Entdeckungsprozesses des  Kontextes einer Grafik zu assistieren und helfen ihm bei der Interpretation der Kernbotschaft.

Beispiele für die oft herausragenden Arbeiten der Grafikdesigner  der „New York Times“ finden sich unter anderem auf folgenden Webseiten:

Portfolio: Jonathan Corum
Portfolio: Graham Roberts
Portfolio: Kevin Quealy
Sammlung: Marije Rooze
Sammlung: Small labs inc

Über den Autor:

Andy Kirk ist Berater für Datenvisualisierungen, Designer und Trainer. Er lebt in Großbritannien. Er war Jurymitglied und Vortragender bei den Malofiej 20 (Frühjahr 2012 in Pamplona, Spanien). Andy Kirk ist als Vortragender mit einem eintägigen Trainingskurs „Einführung in die Datenvisualisierung“ in Europa und Nordamerika unterwegs. Im Rahmen des Kurses zeigt er einen inspirierenden und unterrichtenden Weg zur Beschäftigung mit dem populären Thema auf. Webseite: visualisingdata.com

Dieser Artikel erschien im April 2012 zuerst als Gastbeitrag bei Visual.ly, einer Online-Plattform zur Erstellung von Grafiken und Infocharts. 

Übersetzung durch Mirko Lorenz, Juni 2012. Die Übersetzung erfolgte mit Genehmigung durch den Autor. Der Beitrag steht unter einer Creative Commons Lizenz by:nc

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