Archiv für den Autor: Lorenz Matzat

Datenjournalismus im April 2013

Eine Auswahl von Links, Materialien, Tools und Termine

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Ein Mammutprojekt: Unter Leitung von Julius Tröger hat die Berliner Morgenpost den Flugverkehr über Berlin visualisiert. Die 3D-Ansicht ist sehenswert. Sie zeigt, welche Lärmbelastung für eine jeweilige Adresse anfällt. Ein weiteres Beispiel für die Nachhaltigkeit von Datenjournalismus: Die Anwendung bleibt aktuell und zieht neueste Daten automatisiert ein. Hintergründe finden sich hier im making of.

Die Flugroutengeschichte ist eines der 72 Projekte, die für den internationalen Data Journalism Award nominert wurden. Die Preisverleihung ist Mitte Juni in Paris. Auch unter den Nominierten beim Grimme-Online-Award finden sich einige datenlastige oder gar datenjournalistische Projekte. Am 21. Juni werden dafür die Preise vergeben.

Was der Wechsel der Chefredaktion bei der Spiegel/SpOn für den Datenjournalismus dort im Haus bringen wird, muss sich noch zeigen. Jedenfalls gibt es dort nun das Blog “Datenlese“. Auch ist gerade die Datenjournalistin Christina Elmer vom Investigativ-Ressort des Sterns zu SpOn gewechselt.

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Es fehlt an Ausbildungsmöglichkeiten für Datenjournalismus

Trifft ein Journalismustrainer einen anderen. Bericht der eine: „Frag‘ ich die Studierende, was wollt ihr denn später im Journalismus machen? Und nicht wenige sagen, Seite 3 in der SZ oder FAZ schreiben.“ Schüttelt der zweite den Kopf: „Ja, dann frag‘ sie mal, wie viele von ihnen ein Zeitungsabo haben.“ „In der Regel keiner“, antwortet der erste. Beide lachen.

Zeitungsreporter ist der schlechteste Job, den man in den USA zur Zeit anstreben kann. Holzfäller und Militärangestelle kommen auf Platz 2 und 3 der Studie eines Jobportals, das solch ein Ranking seit vielen Jahren anbietet und Kriterien wie Einkommen, Aufstiegschancen und Stress anlegt.

Die sogenannte Zeitungskrise in den Vereinigten Staaten spielt zwar in einer anderen Liga, aber auch hierzulande sind die rosigen Zeiten längst vorbei. Die IVW-Zahlen für das erste Quartal 2013 geben eine Ahnung davon, dass die gedruckte Zeitungslandschaft in Deutschland in naher Zukunft weiter schrumpfen dürfte.

Die eingangs geschilderte Unterhaltung zeigt die seltsame Lage: Diejenigen, die heute Journalismus lernen, sind geprägt von Klischees, Vorbildern und Legenden, die ihnen in der Realitität ihres zukünftigen Berufsfeldes wenig bis gar nicht begegnen werden. Es ist das Dilemma, dass sie nicht selten Ausbildern gegenüber sitzen, die ebenfalls von diesen Bildern in ihrem Selbstverständnis geprägt sind und alten Zeiten hinterhängen.

Der Pariastatus, aus dem sich Onlinejournalismus nur langsam lösen kann, hat nicht zuletzt für Leerstellen in der Ausbildung gesorgt. Ausbildungswege in diesem Bereich hecheln, wenn überhaupt, der rapiden Fortentwicklung des Netzes hinterher. In den USA dagegen verlassen demnächst die ersten Absolventen des Studiengangs „Journalism & Computer Science“ die Columbian Journalism School.

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Aufruf zur Mitarbeit: Open ARD ZDF

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Die öffentlich-rechtlichen Sender werden in weiten Teilen von der Allgemeinheit finanziert. Wie die Gelder, die neuerdings über den GEZ-Nachfolger „Beitragsservice“ eingesammelt werden, ausgegeben werden, ist nur unzulänglich bekannt. Eine demokratische Kontrolle findet nur indirekt statt, über Rundfunkräte etc.. Der Bürger und Souverän wird im unklaren gelassen.

Unter „öffentlich“ lässt sich allerdings etwas anderes verstehen. Nämlich öffentlich im Sinne von „Open“, also einem freien ungehinderten Zugang.

Um der Intransparenz etwas entgegen zu setzen, startet nun eine auf Langfristigkeit angelegte Arbeitsgruppe „Open ARD ZDF“. Die wird sicherlich einige Jahre brauchen, um zum Erfolg zu kommen. Die dicken Bretter von Institutionen zu bohren, braucht seine Zeit.

Wer konstruktiv mitarbeiten möchte ist herzlich willkommen. Dieses Etherpad dient als erste Arbeitsgrundlage, dort findet sich erstes Material und man kann sich als Mitarbeiter/in eintragen. Ob sich das ganze über eine Google-/Facebookgruppe oder Mailinglist organisiert, wird sich finden. (UPDATE: Hier geht es zur Mailingliste Doodle-Umfrage). Kontakt: openardzdf-at-opendatacity-de

Ziel der Arbeitsgruppe

Bei den weitgehend von der Allgemeinheit finanzierten öffentlich-rechtlichen Sendern detaillierte Transparenz bei den Ausgaben zu schaffen.

Die Zahlen und Vorgänge sollen so aktuell wie möglich strukturiert als Open Data für alle sichtbar, zugänglich und abrufbar sein.

Es geht um ARD, ZDF, Deutschlandradio/-funk. Dazu gezählt wird auch die Deutsche Welle (die hauptsächlich aus dem Haushalt des Kanzleramts getragen wird).

Beim Ganzen gibt es auch einiges zu lernen: Darüber, wie der ÖR organisiert ist und wie Datenrecherche betrieben werden kann.

Nächste Schritte

  • Überblick verschaffen über vorhandenes Datenmaterial
  • Daten aus pdf extrahieren, strukturieren, veröffentlichen
  • weiteres Vorgehen planen, nachdem klar ist, welche Zahlen/ Daten relevant sind bzw. benötigt werden
  • entsprechende Ansprechpartner/Stellen/Zuständigkeiten identifizieren
  • möglicherweise Crowdfunding für IFG-Anfragen (Informationsfreiheitsgesetz) usw.
  • Klärung, ob Transparenz über Rundfunkänderungsstaatsvertrag regelbar ist

Datenjournalismus im März 2013

Eine Auswahl von Links, Materialien, Tools und kommender Termine

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Aufwendig – und gelungen, so lässt sich das Projekt zum Fukushima-Jahrestag der NZZ fassen. Texte, Fotos, animierte Bilder, Videos sowie Datenvisualisierungen (s.o.) werden hier in mehreren Kapiteln zu einem Onlinestück gemischt. Das NZZ-Werk ist offensichtlich von dem Snow Fall-Stück der NYT von Ende vergangen Jahres inspiriert. Es dreht das Prinzip aber in Sachen Daten weiter. Hier ein Making-of Interview mit Projekteiterin Sylke Gruhnwald bei der NZZ und hier ein Blick auf Englisch aus Entwicklersicht. (Update: Es gibt aber auch Zweifel an dem “Mehrwert” dieses Werks).

Wie misst man den Erfolg solcher interaktiven Geschichten? Brian Abelson hat sich über “Creating a metric for news apps“ Gedanken gemacht.

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Bestandsaufnahme Datenjournalismus und der Europaatlas von süddeutsche.de

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In Sachen Datenjournalismus versuchen sich in Deutschland mehr und mehr Medien zu profilieren. Bei der taz kommen weiterhin unregelmäßig Datengeschichten daher. Etwa die Übergriffe auf Parteibüros durch Neonazis oder die Hochschulwatch.

Zeit Online meldet sich ab und zu mit einem datenjournalistischen Werk; der relativ geringe Output verwundert allerdings angesichts einer vergangenen Jahres ausgebauten Entwicklungsredaktion. Zudem ist nunmehr im zweiten Jahr ein Knight Mozilla OpenNews Fellow im Hause. Jüngst ging es bei ZoN um Katholiken weltweit.

Im Springeruniversium hat sich bislang nur die Berliner Morgenpost explizit mit interaktiven Datengeschichten profiliert. Auf lokaler Ebene ist derzeit bei den Ruhrnachrichten ein konstante Reihe von Datenbeiträgen um lokale Themen zu sehen. Auch bleibt abzuwarten, was die investigativen Teams der WAZ und vom Stern dieses Jahr noch liefern werden.

Richtig in den Ring steigen will dieses Jahr wohl Spiegel Online. So hat die Spiegel-Gruppe seit Anfang des Jahres ebenfalls einen Knight-Mozilla Fellow im Haus. Zusätzlich hat SpOn offenbar auch explizit eine Datenjournalistin angeworben. Das deutet jedenfalls Matthias Streitz, Chef vom Dienst, in einem kurzem Interview an. Vor allem im Gesundsheitsressort wird etwas in Sachen #ddj zu erwarten sein, so Streitz.

Im Radio und TV, respektive den Websites der Sender, ist bislang in dem Bereich kaum etwas geschehen. Schade, weil dort wirklich „crossmediale“ Formate ausprobiert und – nicht zuletzt bei den öffentlich-rechtlichen – aus vergleichsweise enormen personellen Ressourcen geschöpft werden könnte.

Richtig am Aufdrehen dagegen ist süddeutsche.de: Neulich wurde ein ansehnliches Verzeichnis aller Datengeschichten und interaktiven Grafiken herausgeben: DataGraph. Chefredakteur Stefan Plöchiner veröffentlichte gerade einen Buchbeitrag mit dem Titel „Wie innovativ Journalismus sein muss“. Er schreibt dort:

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Hätte, hätte: Datenjournalismus mit den Bahnkundendaten

bahn2Vergangenen Sonntag sorgte eine Vorabmeldung von Spiegel Online für einige Aufmerksamkeit: Sie wies auf einen Artikel im neuen Print-Spiegel hin und behauptete gewohnt reißerisch, die Bahn wolle Kundendaten verkaufen (die Bahn dementierte). De facto, so sezierte es dann Malte Spitz, der sich sowohl den Print-Spiegelartikel angesehen hatte als auch das Kleingedruckte bei der Bahn, hatte SpOn den Text nicht richtig wiedergegeben. Es ging vielmehr darum, dass die Bahn bestimmte AGB geändert hat, um konzernintern die BahnBonus-Daten weitergeben zu können; also das Reiseverhalten derjenigen, die an dem Bonusprogramm teilnehmen, effektiver auswerten zu können, um die jeweiligen Kunden passgenauer mit Werbung zu beschicken (Targeting).

Hätte nun ein Medium eine Datenjournalismus-Taskforce, was wäre möglich gewesen? Die Geschichte kam am Sonntagmorgen um 8 Uhr auf. Ein Newswebsite, die am Montagvormittag eine Datengeschichte dazu gebracht hätte, hätte sicherlich Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Was hätte ein Datenteam also machen können?

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Was wollen Datenjournalisten vom Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb?

 

Neulich fragte die Helmholtz-Gemeinschaft per Twitter nach, was Datenjournalisten sich von einer Institution wie sie eine ist, wünschen würden.

Bei einer Organisation aus dem Wissenschaftsbereich liegt einem da direkt die Bitte nach Open Access auf der Zunge. Der ungehinderte Zugang zu den wissenschaftlichen Forschungsergebnisssen – die Helmholtz-Gemeinschaft hat in diese Richtung auch erste Schritte unternommen. Unter Open Access würde ich auf jeden Fall auch Open Data fassen. Also wissenschaftliche Arbeiten digital frei zugänglich machen (nicht nur als pdf). Und auch die ihnen zugrunde liegende Daten. Am besten sortiert in einem Datenkatalog wie CKAN, unter einer freien Lizenz, möglichst sinnvoll ausgezeichnet – siehe die Maßgaben der 5-Sterne Kriterien für (Linked) Open Data. Gegen den Zugriff auf die Echtzeitdaten von Sensorennetzwerken etc. hätte ich auch nichts einzuwenden. Und Informationen dazu, wo sich Forschungsschiffe, Expedtitionen etc. befinden.

Zweitens fände ich eine immer aktuelle, strukturierte Übersicht über Haushalt und Mitarbeiter der Gemeinschaft spannend. Immerhin werden hier dieses Jahr 3,76 Milliarden Euro – zwei Drittel davon aus öffentlichen Mitteln – in 18 Forschungseinrichtung von 34.000 Mitarbeitern verforscht. Davon sind gut ein Drittel Wissenschaftler. Was machen die anderen? Hier – auch über den Lauf der Zeit – einfach verfolgen zu können, über welche Berufe sich die Arbeiten der Gemeinschaft demografisch sowie regional und thematisch verteilen, würde helfen, solch ein Forschungsnetzwerk zu begreifen und plastisch darzustellen.

Jedenfalls wünsche ich mir so eine Frage, wie sie die Heltmholtz-Gemeinschaft stellte, ja auch von anderen Seiten: Wink mit dem Zaunpfahl in Richtungen Vereine, Stiftungen, NGOs, Regierungen, Verwaltungen, Kultur- und Sporteinrichtungen usw. usf..

Datenjournalismus im Februar 2013

Eine Auswahl von Links, Materialien und kommender Termine

Das Ende von EveryBlock Anfang Februar kam überraschend: Das Projekt war wahrlich ein Pionier in Sachen Open Data und hyperlokalem Datenjournalismus. Sein Schöpfer Adrian Holovaty bezog bald Stellung und beschwerte sich dann später bei Poynter über das Vorgehen seitens des jetzigen Besitzers von Everyblock: NBC. Ebenfalls bei Poynter wurden Reaktionen gesammelt. U.a. war dort zu lesen: “Everyblock is one of those ideas that bent the world in a new way when it came around”. Passend dazu ein Beitrag im Blog des WDR: “Der hyperlokale Hype ist beendet“.

connected china

Ein ambitioniertes Werk: Connected China von Reuters zeigt das Machtnetzwerk in Chinas Staatsspitze (siehe Ausschnitt oben). Die Anwendung versucht die Gratwanderung zwischen Komplexität und datengetriebener Visualisierung auf der einen Seite und Zugänglichkeit auf der anderen. Etwas Hintergründe zu der offensichtlich rechercheintensiven Arbeit und zur technologisch beieindruckenden iPad-optimierten HTML5-App finden sich hier.

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Verpasste Chance beim “Staatsgeheimnis Bankenrettung”

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Es ist eine sehenswerte Dokumentation: „Staatsgeheimnis Bankenrettung“. Sie lief vorgestern auf Arte und ist dort noch für einige Tage komplett zu sehen (sie findet sich auch auf YouTube nur noch hier). Sie ist sehenswert, weil sie eine Idee davon vermittelt, wie ein investigativer Journalist arbeitet: In diesem Fall Harald Schumann – Redakteur für besondere Aufgaben beim Berliner Tagesspiegel. Früher war er bei der taz und beim Spiegel (siehe Wikipedia).

In der knappen Stunde der Doku wird dargelegt, dass die zentrale Frage, wer eigentlich von der Bankenrettung profitiert, von den Regierungen nicht beantwortet wird.

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Zu den Entwicklungskosten von GovData

Das GovData Portal des Bundes ist nun online. Jonas Westphal schrieb über den holprigen Start und die Sicherheitslücken, aber auch über die Kosten:

Das Projekt jedenfalls hat bisher mindestens 155.000 Euro gekostet. Das ist nicht so viel, der Beitrag ist aber mehr als peanuts. Die Gutachten im Vorfeld mal nicht mit gerechnet. Und ich frage mich: Hätte man das nicht auch preiswerter und sicherer haben können? Ginge es nicht auch leichter? Und warum ist ein Open-Data-Portal eigentlich nicht selbst Open-Source-Software? Das wäre doch nur die logische Konsequenz, wenn die Open-Government-Eckpunkte aus dem selben Ministerium mal zu Ende denkt.

So hätte etwa der Code der Software, auf dem das Open Data-Portal in Großbritannien basiert, kostenfrei auf Github zur Verfügung gestanden. Weiterlesen