Archiv für den Autor: Lorenz Matzat

Scheitern als Strategie

Eigentlich wollte ich nicht mehr über die Zukunft von Journalismus schreiben. Es ist recht müssig - das meiste ist lang und breit durchgekaut worden. Es gilt, weniger zu Reden und mehr zu Handeln. Aber wenn ich “eigentlich” schreibe ist klar, dass ein “aber” folgen muss. 

Im vergangenen Herbst hat Wolfgang Blau, Digitalchef bei The Guardian, in der Berliner Kalkscheune einen hörenswerten Vortrag gehalten. An einer Sache habe ich mich allerdings schon damals gestoßen. Nämlich sein Argument, dass hinter dem mangelnden Engagement hinsichtlich des Digitalen letztlich eine gut durchdachte kaufmännische Entscheidung auf Seiten der Verleger stecke. Jetzt hat Blau dieses Argument anlässlich des Relaunchs der Website des Guardians in einem Interview mit dem österreichischen Standard nochmal ausgeführt:

“Für viele Verleger gibt es in der digitalen Welt einfach nichts zu gewinnen, und wir sollten ihnen nicht so rasch Verschlafenheit vorwerfen. Ihre Strategie, das alte Printgeschäft so lange zu beschützen wie möglich und ihre digitalen Aktivitäten nur als markenpflegende Begleitmusik für Print zu betreiben, ist plausibel und legitim. Verlage sind keine Stiftungen, und die meisten Tageszeitungen haben nun einmal keine plausible digitale Zukunft, sondern nur eine mittelfristige Zukunft als Printmedien, und danach ist es leider vorbei.”

Das ist eine recht unorthodoxe Bewertung davon, was zumindest die digitalen Strategien vieler Verlagen in Deutschland angeht (über die ich am ehesten sprechen kann). Das macht diese Einschätzung nicht per se schlecht, sondern ist, wenn sie aus einem Munde wie von Blau stammt, zumindest bedenkenswert. Denn bevor er zum Guardian ging, hat er als Zeit Online Chefredakteur deren Website mit zum Erfolg geholfen. D.h. Blau hat Ahnung von der Branche. 

Ich halte seine Argumentation allerdings für fatalistisch. Im Wortsinnen von schicksalsergeben. Mir erschließt sich überhaupt nicht, woher Blau die Gewissheit für die von ihm postulierte Zwangsläufigkeit nimmt. Im Endeffekt behauptet er, dass viele Verleger gezielt und zurecht den digitalen Markt bewusst aufgegeben hätten. Wäre dem so, würden sie ein zynisches Spiel mit ihren Mitarbeitern treiben. Und von denen wäre allen unter 50 Jahren zu raten, sich sofort um den Absprung aus ihrem Unternehmen zu bemühen.
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Interview mit Datenjournalist Julius Tröger

julius

Julius Tröger leitet das Interaktiv-Team bei der Berliner Morgenpost (Foto: Matthias Piket).

Was sind die wesentliche Aspekte, warum Du immer wieder datenjournalistische Formaten einsetzt?

Datenjournalismus liefert uns exklusive Geschichten. Ohne unsere eigene Datenbank hätten wir zum Beispiel nie herausgefunden, dass hunderte Flugzeuge über Berlin leer vom einen zum anderen Flughafen fliegen

Außerdem können wir mit Datenvisualisierungen komplexe Sachverhalte einfach darstellen, z.B. mit unserer Grafik zum Berliner Volksentscheid. So können wir auch Nachrichten prinzipiell auf jeden einzelnen Berliner herunterbrechen, wie etwa mit unserer Mietkarte  oder unseren Wahlkarten.

Unsere Aufgabe im Interaktiv-Team ist es einerseits, neue Geschichten abseits der üblichen Recherchequellen zu finden. z.B. in Sensordaten. Und andererseits Geschichten so zu erzählen, dass sie vor allem im Web funktionieren.

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Tutorial: 3D-Modelle von Straßen und Gegenden auf Basis von OpenStreetMap

Zu dieser Stunde haben sich zwei Männer mit mindestens einer Geisel in einer Druckerei nördöstlich von Paris verschanzt. Sie werden verdächtigt, für die Morde in und bei der Redaktion von Charlie Hebdo am 7.1.2015 verantwortlich gewesen zu sein. Ebenfalls wird eine weiteren Geiselnahme im Osten von Paris gemeldet.

Anhand dieser aktuellen Lage möchte ich zeigen, wie sich recht schnell ein 3D-Modell von solch einer Situation erstellen lässt. In diesem Fall die Umgebung der Druckerei im Industriegebiet von Dammartin-en-Goele. Bei OpenStreetMap gibt es oben in der Menüleiste den Punkt “Export” und dann die Option “Einen anderen Bereich manuell auswählen”. Anschließend exportiert man die Daten (mehr als ein paar Quadratkilometer sollten nicht genommen werden, sonst wird die Datenmenge zu groß). Weiterlesen

Erste Gedanken zum “Next Media Accelerator” der dpa

Die dpa hat einiges an Selbstreflexion hinter sich. So lässt die Deutsche Presse Agentur ihre “Media Innovation Managerin” Pläne für einen “Next Media Accelerator” skizzieren.

Erfreulicherweise redet Jenni Schwanenberg nicht um den heißen Brei herum. Man könne bei der Agentur zwar gut managen und seine Dienstleistung erfolgreich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

“However we suck in creating new products in new markets (sorry for this openness).”

Und weiter:

“media industry innovation pace in Europe, especially in Germany has been slowing down. On some days it feels like being in a coma, paralyzed by news about the next fired editor in chief, the next newsroom being laid off, the next cry for regulations for new economy companies.”

Für diese ungewöhnlich ehrlichen Töne braucht Schwanenberg sich nicht zu entschuldigen. Denn sie spricht sicher einer Reihe von (Medien-)Journalisten und mir aus der Seele, die dieses seit Jahren immer wieder in allen möglichen Variationen bemängeln.

Einige Startups pro Jahr will der Accelerator aufnehmen; sie sollen “technolgy driven” sein und ihren Fokus auf “content, advertising or services related ideas” legen. Viel mehr ist dem Text nicht zu entnehmen. Außer, dass die Einrichtung in Hamburg entstehen, “when, who and how” noch nicht verraten und sie aus den üblichen Zutaten (Räumlichkeiten, Mentoren, Coaching, Zugang zu Netzwerken) bestehen wird. Wie es sich gehört, soll so eine “Community” aufgebaut werden. Zu vernehmen ist, dass es noch dieses Frühjahr losgehen soll und derzeit noch eine Leitungsperson für das Ganze gefunden werden muss. Schwanenberg wünscht sich Feedback. Hier sind meine Anmerkungen:

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Nachdenken über Erzählformen und Datenjournalismus in Virtual Reality

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Seit wenigen Tagen haben wir nun eine Virtual Reality-Brille im Büro. Das erste Fazit: Die Oculus Rift als „Developer Kit“ in der zweiten Version ist definitiv noch nicht endverbrauchertauglich. Die Auflösung (1920*1080 – Full HD) ist zu niedrig – für jedes Auge steht eben nur die Hälfte der Gesamtauflösung zur Verfügung. Es ist nicht unheimlich schwierig, dass Gerät zum Laufen zu bringen; benötigt wird aber zumindest Sicherheit im Umgang mit diversen Einstellungen des eigenen Rechners. Es scheint auch so zu sein, dass man sich langsam an die Nutzung des Geräts gewöhnen muss; es beansprucht die Augen, hinterlässt nach längerer Nutzung und dem Absetzen ein leichtes Gefühl der Desorientierung.

Das Headtracking allerdings scheint die Gefahr der “Seekrankheit” deutlich zu mindern (eine Kamera erfasst die Neigung des Kopfes und erlaubt, dass man sich durch Annäherung des Kopfes ein Ding in der virtuellen Welt näher betrachten kann). Zudem ist es beeindruckend, wie schnell sich der Kopf wenden lässt, ohne ein hinterherhinkendes oder schlierendes Bild.

Was die Rift jetzt schon liefert: Eine eindrucksvolle Ahnung davon, was in ein oder zwei Jahren möglich sein könnte, wenn die Auflösung höher und die Brille leichter ist. Die Vorabversion des bald erscheinenen Spiels „Elite Dangerous“ ist dafür der derzeit wohl beste Showcase. Wer aus einer riesigen Raumstation hinausgeleitet und einen Planeten in 3D vor seinen Augen im weiten Schwarz des Weltraums hängen sieht, merkt: Diese Technologie hat durch sein Erfahrbarmachen von Räumlichkeit ein enormes Potential.

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Testat* der Ratlosigkeit – Anmerkungen zu Blumencron

Unlängst forderte Mathias Müller von Blumencron in der FAZ:  “Schafft den Online-journalismus ab”. Die unselige Debatte Print-vs-Online sei ein für allemal zu beenden. Vielmehr, so der Ex-Chefredakteur von Spiegel Online, solle nur noch darüber debattiert werden was guter Journalismus sei.

Was ist guter Journalismus für Blumencron? “Die exzellente Recherche, der starke Artikel, das ganz besondere Angebot”, dem es gelingt sich in der “neuen Meinungswelt” Gehör zu verschaffen. Mehr sagt er dazu in seinem 18.000 Zeichen-Artikel nicht.

Der ist deshalb bemerkenswert, weil er ein Testat* für die Ratlosigkeit der Branche abgibt. Blumencron, 54,  ist seit gut einem Jahr Chef der Online-FAZ. Er dürfte exemplarisch für so manche in den Führungsriegen deutscher Medienhäuser stehen. Bei ihnen gilt das Internet weiterhin als unheimlicher Ort, in dem sich vollends der “Irrsinn Bahn” brechen könnte. Es herrsche dort ein “kakophonischer Informationslärm”. 

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CartoDB: Überblick und Tutorial

Schon länger wollte ich einen kleinen Lobgesang auf CartoDB anstimmen: Ein großartiges Tool, noch dazu Open Source, das sich eigentlich als Standardkartenwerkzeug in Redaktionen längst etablieren haben sollte. Es gibt die gehostete Version, die neben einem kostenfreien Plan auch kostenpflichtige bereit hält. Alternativ könnte eine Redaktion auch selbst die Software auf einem Server aufsetzen – muss dann aber auch über eigenes Kartenmaterial verfügen (siehe dazu: “Verlage und Redaktionen – Investiert in Karten“)

CartoDB ist ungefähr zwei Generationen jünger als das nunmehr in die Jahre gekommene Fusion Tables, mit dessen Darstellungsoptionen man schnell an Grenzen stößt und dessen Look mittlerweile abgegriffen wirkt (Fusion Tables wird, so heißt es, von einer Person bei Google entwickelt).

Das aus Spanien stammende CartoDB, 2012 gestartet, bietet dagegen mitterweile einen mächtigen Funktionsumfang, darunter auch (meiner Meinung nach) eine recht sinnlose Twittervisualisierung, aber auch Animationen (Torque) entlang einer Zeitleiste. Interessant ist auch das zu CartoDB gehörende Projekt Odyssey für “Storytelling” auf Karten.

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Der langweilige Datenjournalismus zur Fußball-WM

Project BABB, Telegraph UK

Es gab ein Feuerwerk an Datenstücken und Interactives rund um die Fußball-WM der Männer in Brasilien: Gut zu beobachten war, wie die New York Times ihre Muskeln spielen ließ und ein Stück nach dem anderen veröffentlichte – und nicht zuletzt in den Liveblogs direkt Datenvisualisierungen einbaute.

Hier im Blog habe ich 21 Visualisierungen und interaktive Stücke zum Thema gesammelt. Handwerklich sind einige von ihnen grandios. Aber wirklich vorher Unbekanntes oder Erkenntnisreiches, etwas, das eine neue Sicht der Dinge lieferte, habe ich keines entdeckt.

Vornehmlich ging es rein um das Sportereignis an sich; nicht um ökonomische, politische oder soziale Themen, die im Zusammenhang mit dem Event stehen. Wie wäre es mit Stücken zu Geldmaschine Fifa, zu Korruption, zu Einnahmen und Ausgaben des Staates Brasilien, über Reisewege der Fans inklusive C02-Ausstoß usw. usf. gewesen?

Aber es ging eben nur um das Spiel, vielleicht auch Ausdruck davon, dass in den Redaktionen viele Fans sitzen. Neben einer Liste aller Spieler diente als zweite vorwiegend verwendete Datenquelle die Firma Opta (zur Messung von Daten bei Fußballspielen habe ich im Blog vor einigen Jahren hier geschrieben). Einen Diskurs über die Qualität dieser Daten oder ein Hinterfragen der Datengenese des Quasi-Monopolisten ist mir nicht bekannt; das gilt auch für die Daten der FIFA. (Update: In einem Kommentar unten wird auf diesen Text hingewiesen: “6 Gründe warum Spiegel Onlines ‘Fussballdaten’ problematisch sind”.)

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Die substantiellen Probleme von Spiegel Online

spUnbestritten ist Spiegel Online eines der führenden Nachrichtenportale im deutschsprachigen Raum. Warum eigentlich und vor allem: Wie lange noch?  Es scheint, als ob sich auf den Lorbeeren des Grimme Online Awards von 2005 ausgeruht wird. Den begründete dessen Jury damals so: “Stets war das Angebot auf der Höhe der Zeit, ohne die Inhalte unter technischen Experimenten zu verdecken.”

Ja, technische Experimente kann man SpOn tatsächlich nicht vorwerfen. Aber das ist einer der Gründe, warum neun Jahre später nicht mehr von “auf der Höhe der Zeit” gesprochen werden kann: Vom Einsatz neuer Formate oder dem virtuosen Umgang mit Webtechnologien kann bei SpOn wahrlich nicht die Rede sein; hinsichtlich von Darstellungsformen und Herangehensweisen hinkt die Nachrichtenseite den Flagschiffen New York Times und Guardian zwei oder drei Jahre hinterher – in der Internetzeitrechnung entspricht das eben zwei oder drei Generationen. Das lässt sich erahnen, liest man etwa die Hintergründe zum NYT-CMS oder die Einträge beim Guardian Beta-Blog.

Die offenbar mangelnde Vision und Strategie wird eher früher als später ein substantielles Problem für SpOn darstellen.

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Sammlung: Datenstücke zur Fußball-WM 2014

Rund um die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2014 in Brasilien werden mehr und mehr datenjournalistische und interaktive Stücke veröffentlicht.

Eine fortlaufend ergänzte Sammlung:

Spiegel Online: Die Abrechnung (16.7.) – Interactiveabrechnung

Twitter: Replay #worldcup2014 (15.7.) – Interactivereplay

B. Morgenpost: Die WM der Selfies (14.7.)  - Interactiveselfies

EconomistEvery goal scored in the football World Cup, by minute (2.7.) – Interactive goaaaal

Zeit Online: WM-Fieberkurven auf Twitter (27.6.) – Interactivekurve

NYT: 984 Ways the United States Can Advance (26.6.) – Interactiveuswins

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