Archiv für den Autor: Lorenz Matzat

Nachdenken über Erzählformen und Datenjournalismus in Virtual Reality

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Seit wenigen Tagen haben wir nun eine Virtual Reality-Brille im Büro. Das erste Fazit: Die Oculus Rift als „Developer Kit“ in der zweiten Version ist definitiv noch nicht endverbrauchertauglich. Die Auflösung (1920*1080 – Full HD) ist zu niedrig – für jedes Auge steht eben nur die Hälfte der Gesamtauflösung zur Verfügung. Es ist nicht unheimlich schwierig, dass Gerät zum Laufen zu bringen; benötigt wird aber zumindest Sicherheit im Umgang mit diversen Einstellungen des eigenen Rechners. Es scheint auch so zu sein, dass man sich langsam an die Nutzung des Geräts gewöhnen muss; es beansprucht die Augen, hinterlässt nach längerer Nutzung und dem Absetzen ein leichtes Gefühl der Desorientierung.

Das Headtracking allerdings scheint die Gefahr der “Seekrankheit” deutlich zu mindern (eine Kamera erfasst die Neigung des Kopfes und erlaubt, dass man sich durch Annäherung des Kopfes ein Ding in der virtuellen Welt näher betrachten kann). Zudem ist es beeindruckend, wie schnell sich der Kopf wenden lässt, ohne ein hinterherhinkendes oder schlierendes Bild.

Was die Rift jetzt schon liefert: Eine eindrucksvolle Ahnung davon, was in ein oder zwei Jahren möglich sein könnte, wenn die Auflösung höher und die Brille leichter ist. Die Vorabversion des bald erscheinenen Spiels „Elite Dangerous“ ist dafür der derzeit wohl beste Showcase. Wer aus einer riesigen Raumstation hinausgeleitet und einen Planeten in 3D vor seinen Augen im weiten Schwarz des Weltraums hängen sieht, merkt: Diese Technologie hat durch sein Erfahrbarmachen von Räumlichkeit ein enormes Potential.

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Testat* der Ratlosigkeit – Anmerkungen zu Blumencron

Unlängst forderte Mathias Müller von Blumencron in der FAZ:  “Schafft den Online-journalismus ab”. Die unselige Debatte Print-vs-Online sei ein für allemal zu beenden. Vielmehr, so der Ex-Chefredakteur von Spiegel Online, solle nur noch darüber debattiert werden was guter Journalismus sei.

Was ist guter Journalismus für Blumencron? “Die exzellente Recherche, der starke Artikel, das ganz besondere Angebot”, dem es gelingt sich in der “neuen Meinungswelt” Gehör zu verschaffen. Mehr sagt er dazu in seinem 18.000 Zeichen-Artikel nicht.

Der ist deshalb bemerkenswert, weil er ein Testat* für die Ratlosigkeit der Branche abgibt. Blumencron, 54,  ist seit gut einem Jahr Chef der Online-FAZ. Er dürfte exemplarisch für so manche in den Führungsriegen deutscher Medienhäuser stehen. Bei ihnen gilt das Internet weiterhin als unheimlicher Ort, in dem sich vollends der “Irrsinn Bahn” brechen könnte. Es herrsche dort ein “kakophonischer Informationslärm”. 

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CartoDB: Überblick und Tutorial

Schon länger wollte ich einen kleinen Lobgesang auf CartoDB anstimmen: Ein großartiges Tool, noch dazu Open Source, das sich eigentlich als Standardkartenwerkzeug in Redaktionen längst etablieren haben sollte. Es gibt die gehostete Version, die neben einem kostenfreien Plan auch kostenpflichtige bereit hält. Alternativ könnte eine Redaktion auch selbst die Software auf einem Server aufsetzen – muss dann aber auch über eigenes Kartenmaterial verfügen (siehe dazu: “Verlage und Redaktionen – Investiert in Karten“)

CartoDB ist ungefähr zwei Generationen jünger als das nunmehr in die Jahre gekommene Fusion Tables, mit dessen Darstellungsoptionen man schnell an Grenzen stößt und dessen Look mittlerweile abgegriffen wirkt (Fusion Tables wird, so heißt es, von einer Person bei Google entwickelt).

Das aus Spanien stammende CartoDB, 2012 gestartet, bietet dagegen mitterweile einen mächtigen Funktionsumfang, darunter auch (meiner Meinung nach) eine recht sinnlose Twittervisualisierung, aber auch Animationen (Torque) entlang einer Zeitleiste. Interessant ist auch das zu CartoDB gehörende Projekt Odyssey für “Storytelling” auf Karten.

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Der langweilige Datenjournalismus zur Fußball-WM

Project BABB, Telegraph UK

Es gab ein Feuerwerk an Datenstücken und Interactives rund um die Fußball-WM der Männer in Brasilien: Gut zu beobachten war, wie die New York Times ihre Muskeln spielen ließ und ein Stück nach dem anderen veröffentlichte – und nicht zuletzt in den Liveblogs direkt Datenvisualisierungen einbaute.

Hier im Blog habe ich 21 Visualisierungen und interaktive Stücke zum Thema gesammelt. Handwerklich sind einige von ihnen grandios. Aber wirklich vorher Unbekanntes oder Erkenntnisreiches, etwas, das eine neue Sicht der Dinge lieferte, habe ich keines entdeckt.

Vornehmlich ging es rein um das Sportereignis an sich; nicht um ökonomische, politische oder soziale Themen, die im Zusammenhang mit dem Event stehen. Wie wäre es mit Stücken zu Geldmaschine Fifa, zu Korruption, zu Einnahmen und Ausgaben des Staates Brasilien, über Reisewege der Fans inklusive C02-Ausstoß usw. usf. gewesen?

Aber es ging eben nur um das Spiel, vielleicht auch Ausdruck davon, dass in den Redaktionen viele Fans sitzen. Neben einer Liste aller Spieler diente als zweite vorwiegend verwendete Datenquelle die Firma Opta (zur Messung von Daten bei Fußballspielen habe ich im Blog vor einigen Jahren hier geschrieben). Einen Diskurs über die Qualität dieser Daten oder ein Hinterfragen der Datengenese des Quasi-Monopolisten ist mir nicht bekannt; das gilt auch für die Daten der FIFA. (Update: In einem Kommentar unten wird auf diesen Text hingewiesen: “6 Gründe warum Spiegel Onlines ‘Fussballdaten’ problematisch sind”.)

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Die substantiellen Probleme von Spiegel Online

spUnbestritten ist Spiegel Online eines der führenden Nachrichtenportale im deutschsprachigen Raum. Warum eigentlich und vor allem: Wie lange noch?  Es scheint, als ob sich auf den Lorbeeren des Grimme Online Awards von 2005 ausgeruht wird. Den begründete dessen Jury damals so: “Stets war das Angebot auf der Höhe der Zeit, ohne die Inhalte unter technischen Experimenten zu verdecken.”

Ja, technische Experimente kann man SpOn tatsächlich nicht vorwerfen. Aber das ist einer der Gründe, warum neun Jahre später nicht mehr von “auf der Höhe der Zeit” gesprochen werden kann: Vom Einsatz neuer Formate oder dem virtuosen Umgang mit Webtechnologien kann bei SpOn wahrlich nicht die Rede sein; hinsichtlich von Darstellungsformen und Herangehensweisen hinkt die Nachrichtenseite den Flagschiffen New York Times und Guardian zwei oder drei Jahre hinterher – in der Internetzeitrechnung entspricht das eben zwei oder drei Generationen. Das lässt sich erahnen, liest man etwa die Hintergründe zum NYT-CMS oder die Einträge beim Guardian Beta-Blog.

Die offenbar mangelnde Vision und Strategie wird eher früher als später ein substantielles Problem für SpOn darstellen.

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Sammlung: Datenstücke zur Fußball-WM 2014

Rund um die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2014 in Brasilien werden mehr und mehr datenjournalistische und interaktive Stücke veröffentlicht.

Eine fortlaufend ergänzte Sammlung:

Spiegel Online: Die Abrechnung (16.7.) – Interactiveabrechnung

Twitter: Replay #worldcup2014 (15.7.) – Interactivereplay

B. Morgenpost: Die WM der Selfies (14.7.)  - Interactiveselfies

EconomistEvery goal scored in the football World Cup, by minute (2.7.) – Interactive goaaaal

Zeit Online: WM-Fieberkurven auf Twitter (27.6.) – Interactivekurve

NYT: 984 Ways the United States Can Advance (26.6.) – Interactiveuswins

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In eigener Sache: Björn Schwentker wird hier Autor

Foto: Nicole Sturz

Foto: Nicole Sturz

Ab sofort schreibt Björn Schwentker regelmässig hier auf datenjournalist.de. Der Hamburger ist gut bewandert in Statistik; sein Steckenpferd ist Demografie – siehe sein demografie-blog.de; bei Twitter ist er @BSchwentker.

Björns Motto:

“Wer die Daten kontrolliert, hat die Macht. Wir brauchen einen Journalismus, der diese Macht demokratisiert.”

Eine erster Beitrag von ihm findet sich bereits hier auf datenjournalist.de: Tausche Daten gegen Demokratie .

Willkommen Björn.

Fünf Gründe, warum ich von dem Krautreporter-Konzept enttäuscht bin

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  1. Präsentation
  2. Team & Themen
  3. Webtechnologie
  4. Bezahlverfahren
  5. Informationspolitik

[Update, 14.05.2014: Es gibt ein Blog bei Krautreporter, dort werden div. Fragen beantwortet]

Gleich heute morgen habe ich das Abo für 60 Euro bei Krautreporter abgeschlossen; ehrlich gesagt auch deswegen mit leichtem Herzen, weil ich es für nicht unwahrscheinlich halte, dass das Crowdfunding scheitert. Ich habe es aber unterstützt, weil ich mir wünschen würde, dass so eine Art Vorhaben gelingt, auch wenn mich das konkrete Beispiel wenig begeistert.

Vergangenen Sonntag hatte ich schon über mögliche Gründe für das Gelingen bzw. Scheitern geschrieben; hier folgen jetzt fünf Aspekte, warum ich unterwältigt bin:

1. Präsentation

Das Ganze wirkt etwas lieblos. Das Design der Website ist schlicht bzw. minimal, aber es fehlt offensichtlich der Touch eines Designers, es wirkt etwas grobschlächtig. Zu finden sind ein zentrales Video und dann noch einmal 28 für jedes einzelne Teammitglied. Also viele “Talking Heads”, etwa 60 Minuten zum Anschauen. Ob die Fahrstuhlmusik hinter dem zentralen Promovideo sein muss, nur weil Apple & Co auch immer so Musik haben, ist wohl Geschmacksache. Aber wie wäre es mit einer originellen Idee gewesen, in dem Video etwas anders zu machen, als ein paar Leute aus dem Team beim Reden aus ein paar Perspektiven zu zeigen?

Weder erfährt man in der schriftlichen Beschreibung auf der Website, wann es eigentlich los gehen soll, falls es klappt – noch wofür das Geld ausgegeben wird. Wie genau wird das im Web laufen, gibt es Apps usw. usf.? Und wenn man im FAQ seinen Namen für erklärungswürdig hält, dann kann der so gut nicht sein bzw. man ist selbst nicht davon überzeugt.

Erstes Fazit: Das Produkt und Projekt bleibt etwas nebulös.

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900.000 Euro per Crowdfunding: Warum das Vorhaben von Krautreporter gelingen oder scheitern kann

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Heute am Sonntag macht ein Vorabmeldung bei Spiegel Online die Runde: Das Crowdfundingportal “Krautreporter” will innerhalb eines Monats 900.000 Euro einsammeln. Das klingt gewaltig; eine Summe, die in Deutschland für so etwas noch nie per Crowdfunding eingesammelt wurde und die für Skepsis sorgen dürfte. Übermorgen, am Dienstag, den 13. Mai, soll es bei Krautreporter losgehen.

Ich hatte mich neulich mit einem der Initiatoren über das Vorhaben unterhalten; deshalb weiß ich, dass das Projekt deutlich vom Erfolg und Konzept des niederländischen Portals De Correspondent inspiriert ist. Dessen Machern gelang es im Frühjahr 2013 mit einer beispiellosen Kampagne, innerhalb von acht Tagen ihr Ziel von 15.000 zahlenden Personen zu erreichen. Die waren bereit, im Voraus 60 Euro für ein Jahr fundierten und gut recherchierten werbefreien Journalismus (im Web) zu bezahlen. Ein lesenswertes “making of” eines der Gründer von De Correspondent findet sich hier.

900.000 für ein Jahr klingt viel; rechnet man 100.000 Euro für Büroausstattung/ Infrastruktur, Website und App-Entwicklung heraus bleiben noch knapp 70.000 Euro im Monat; davon sind noch die Kosten für Büromiete, Geschäftsführung und Redaktionsleitung sowie weitere laufende Kosten und Steuern abzuziehen –  bleiben vielleicht 45.000 Euro im Monat für die direkte Produktion von Inhalten; will man auch mal wen in die Welt schicken sowie das ein oder andere aufwendigere Projekt fahren, reicht es für etwa zehn feste Journalisten und einige Freie. Die Festen sollen – wie es im SpOn-Text heißt –  2000 bis 2500 Euro monatlich erhalten und wöchentlich dafür einen Beitrag liefern.

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Was ist eigentlich Roboterjournalismus? Teil 2: Warum die Zeit reif ist

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Seit vor rund einem Monat der erste Teil “Was die Softwaremaschinen können werden” dieser Artikelserie erschien, kündigte das deutsche Softwareunternehmen Aexea an, Sportberichte automatisch generieren zu wollen. Zudem ließ der ehemalige Chef der untergegangenen Nachrichtenagentur dapd verlauten, ein deutsches “Narrative Science” starten zu wollen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird im zweiten und letzten Teil dieser Serie dargelegt, wie die Fortschritte in der Robotik und der Ausbau des Semantischen Netzes den Roboterjournalismus begünstigen. Und welche Regeln für automatisierten Journalismus gelten sollten.

Klar, Robotik ist ein Hype – spätestens seit das IT-Unternehmen Google in jüngster Zeit reihenweise Robotikunternehmen kauft. Doch Trends und Hypes sind nicht per se schlecht oder fabriziert; sie können versanden, können aber auch berechtigter Ausdrucks des Zeitgeistes sein und manchmal auf einen epochalen Umbruch verweisen. Ist es Zufall, dass in jüngster Zeit Bücher wie „Arbeitsfrei“ oder „The Second Machine Age“ erscheinen? Werke, die die sich zumindest in Teilen der Automatisierung geistiger Arbeit widmen. Constanze Kurz und Frank Rieger, das Autorenpaar von „Arbeitsfrei“, verweisen etwa auf die Software von SAP, die ganze Geschäftsprozesse und damit auch die gesamte Struktur von Unternehmen, wenn nicht gar Branchen (um)formte.

Wandel durch Programmiererkultur

Mehr und mehr integrieren sich Redaktion und IT; vor allem wenn das Medium rein digital erscheint. Entwickler, also Programmierer – die Techniker und Ingenieure des Digitalen – erhalten Einzug in die Redaktionsräume; das wird auf Dauer die Kultur in Redaktionen ändern: Programmier haben meist ein recht pragmatisches Verhältnis zu Informationen und Kern ihrer Arbeit ist es, Arbeit durch Softwaremaschinen erledigen zu lassen. Und wer je in einer Redaktion gearbeitet hat, dem dürften etliche Arbeitsschritte und Routineaufgaben einfallen, die sich dort noch automatisieren lassen dürften. Kurz und Rieger meinen jedenfalls im Epilog ihres Buches:

“Je weniger spezielle Talente und Fähigkeiten ein Arbeitsplatz erfordert, je besser sich Resultate messen, analysieren und quantifizieren lassen, desto direkter und unmittelbarer ist der Wettlauf mit den Maschinen”

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