Archiv für den Autor: Lorenz Matzat

Was ist eigentlich Roboterjournalismus? Teil 2: Warum die Zeit reif ist

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Seit vor rund einem Monat der erste Teil “Was die Softwaremaschinen können werden” dieser Artikelserie erschien, kündigte das deutsche Softwareunternehmen Aexea an, Sportberichte automatisch generieren zu wollen. Zudem ließ der ehemalige Chef der untergegangenen Nachrichtenagentur dapd verlauten, ein deutsches “Narrative Science” starten zu wollen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird im zweiten und letzten Teil dieser Serie dargelegt, wie die Fortschritte in der Robotik und der Ausbau des Semantischen Netzes den Roboterjournalismus begünstigen. Und welche Regeln für automatisierten Journalismus gelten sollten.

Klar, Robotik ist ein Hype – spätestens seit das IT-Unternehmen Google in jüngster Zeit reihenweise Robotikunternehmen kauft. Doch Trends und Hypes sind nicht per se schlecht oder fabriziert; sie können versanden, können aber auch berechtigter Ausdrucks des Zeitgeistes sein und manchmal auf einen epochalen Umbruch verweisen. Ist es Zufall, dass in jüngster Zeit Bücher wie „Arbeitsfrei“ oder „The Second Machine Age“ erscheinen? Werke, die die sich zumindest in Teilen der Automatisierung geistiger Arbeit widmen. Constanze Kurz und Frank Rieger, das Autorenpaar von „Arbeitsfrei“, verweisen etwa auf die Software von SAP, die ganze Geschäftsprozesse und damit auch die gesamte Struktur von Unternehmen, wenn nicht gar Branchen (um)formte.

Wandel durch Programmiererkultur

Mehr und mehr integrieren sich Redaktion und IT; vor allem wenn das Medium rein digital erscheint. Entwickler, also Programmierer – die Techniker und Ingenieure des Digitalen – erhalten Einzug in die Redaktionsräume; das wird auf Dauer die Kultur in Redaktionen ändern: Programmier haben meist ein recht pragmatisches Verhältnis zu Informationen und Kern ihrer Arbeit ist es, Arbeit durch Softwaremaschinen erledigen zu lassen. Und wer je in einer Redaktion gearbeitet hat, dem dürften etliche Arbeitsschritte und Routineaufgaben einfallen, die sich dort noch automatisieren lassen dürften. Kurz und Rieger meinen jedenfalls im Epilog ihres Buches:

“Je weniger spezielle Talente und Fähigkeiten ein Arbeitsplatz erfordert, je besser sich Resultate messen, analysieren und quantifizieren lassen, desto direkter und unmittelbarer ist der Wettlauf mit den Maschinen”

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Zum Verzweifeln: Deutsche Medien und die Krise in der Ukraine – inkl. einer kleinen Linksammlung – UPDATE

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UPDATE 5.5.2014 und Linksammlung weiter unten.

Warum scheinen eigentlich zahlreiche Medienmacher und -häuser in den letzen Monaten wie durchgedreht, wenn es um die Ukraine geht? Ist es wirklich so schwer, neutral (also unparteiisch) zu bleiben, Distanz zu halten, mit dem gebotenen Zweifel offiziellen Verlautbarungen aller Seiten und Gerüchten zu begegnen?  Ist es zuviel verlangt, dass erst Analysen und Bewertungen vorgenommen werden, wenn es dafür eine ausreichend recherchierte Basis gibt und auch genug Sachkenntnis vorhanden ist?

Beispiel: Wenn ich einen Artikel lese, wie heute (28.4.) diesen hier auf süddeutsche.de, fällt mir nicht mehr viel ein. Ist das Absicht oder Unfähigkeit? Im Vorspann des Beitrags heißt es:

„Die in der Ukraine entführten Militärbeobachter waren offiziell im Auftrag der OSZE unterwegs, um das ukrainische Militär zu beobachten“.

Im selben Beitrag wird auf ein ORF-Interview mit dem Vize-Chef der Krisenprävention der OSZE vom 25.5.2014 – dem Tag der Festsetzung des Teams – verlinkt; gleich eingangs sprach der Folgendes:

„Ich muss aber auch sagen, dass es sich genau genommen nicht um Mitarbeiter der OSZE handelt, sondern es sind Militärbeobachter, die dort bilateral unter einem OSZE-Dokument tätig sind“.

In besagtem Artikel ist auch richtigerweise nur die Rede von „europäischen Militärbeobachtern“ und es wird der Hintergrund der Mission erläutert, die eben nicht im Auftrag der OSZE unterwegs war. Hier hat wahrscheinlich ein Redakteur einen Autorenbeitrag mit einem Vorspann versehen (online zumindest, in Print auch?). Fragt sich, ob es Kalkül oder schlicht Sorglosigkeit ist, dass in so einer aufheizten Stimmung so ungenau gearbeitet wird. Die Süddeutsche ist in diesem Fall wie gesagt nur ein Beispiel; ein Blick auf Google News zeigt, dass viele Redaktionen von „OSZE-Mitarbeitern“ bzw. „Beobachtern“ sprechen.

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Die Abwesenheit von Datenvisualisierungen und Infografiken im Wahlkampf

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Jedes Mal, wenn Wahlkampf ist, wundere ich mich, warum keine Datenvisualisierungen oder wenigstens Infografiken auf den Wahlplakaten eingesetzt werden. Formate, die in den vergangenen Jahren sowohl im Netz als auch im Print an Popularität gewonnen haben und ohne Zweifel für „Eyeballs“ sorgen. Und darum geht es doch aus Sicht der Wahlkämpfer. Wer Politikern in den ewigen Talkshows lauscht, hört, wie gerne sie verbal mit Zahlen herumfuchteln. Warum also setzen sie weiterhin auf mehr oder minder müde Slogans anstatt – wenn auch knapp  – einen Sachverhalt oder Fakt mit einem Graphen oder Diagramm zu kommunizieren? Dies könnte ja auch durchaus mit einem Spruch oder etwas Augenzwinkern geschehen.

Zwar sind Infografiken mit Vorsicht einzusetzen, weil dort nicht selten das Phänomen des inhaltsleeren „Visualisation Porn“ auftritt und gerne für Marketingzwecke manipulativ mit Fakten hantiert wird. Und auch Datenvisualisierung kann mit Tücken behaftet sein. So oder so: Ist eine plakative Message nicht eben die Grundidee eines Plakats? Und Wahlkampf ist nicht ausgewogener Journalismus. Dass dabei im Eigeninteresse selektiver mit Zahlen umgegangen wird, liegt auf der Hand. Trotzdem könnten mit ein paar Zahlen und Graphen etwas Inhalt, wenn nicht sogar Fakten, an die Stelle der weitgehend sinnentleerten Wahlkampfparolen treten.

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Interview mit Datenjournalistin Sylke Gruhnwald

Sylke Gruhnwald (Bio, Twitter) arbeitet bei der Neuen Zürcher Zeitung. Sie leitet dort seit 2012 den Bereich NZZ-Data

Wann ist Dir data-driven-journalism das erste Mal begegnet und wie verlief von dort an Dein beruflicher Weg hin zu Deiner jetzigen Arbeit bei der NZZ?

Simon Rogers und der Data-Blog des Guardian – das Blog bringe ich damit in Verbindung. CAR (Computer-assisted reporting) ist mir sicherlich länger ein Begriff. Angefangen habe ich bei der NZZ in der Wirtschaftsredaktion online. In den letzten zwei Jahren hat sich mein Schwerpunkt immer mehr in Richtung Daten und «interactive news» verlagert. Meine Kollegin Alice Kohli und ich bilden ein Zwei-Frauen-Team und arbeiten in Kooperation mit den Kollegen des Zürcher Design Studios Interactive Things oder auch OpenDataCity.

War es schwer, innerhalb der NZZ dem Thema Datenjournalismus Stellenwert zu verschaffen? Wird Deine Expertise heute selbstverständlich in den alltäglichen Redaktionsprozess einbezogen?

Im Grundsatz war die Etablierung nicht schwierig. Ziel für das nächste Jahr ist es, erwachsen zu werden – sozusagen. Ich möchte mein Team in Richtung datengetriebener Journalismus und zunehmend (investigativer) Recherche positionieren. Dazu zählt auch, dass wir uns mit sicheren Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen, eine eigene sichere Infrastruktur aufbauen, unsere Statistik-Kenntnisse weiter ausbauen, Coden und und und. Und nicht zuletzt müssen wir uns das Vertrauen der Leserschaft erarbeiten.

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Virtual Reality und Journalismus

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Es ist die dritte Virtual Reality-Welle, die ich erlebe. Anfang der 90er machten klobige VR-Helme und Stationen Furore; für viel Geld konnte man ein paar Minuten einen kiloschweren Helm aufziehen, in simpler 3D-Grafik herumschauen und etwas ballern. Der Hype um Second Life erlebte 2006/07 seinen Höhepunkt. Und jetzt kauft Facebook für zwei Milliarden US-Dollar das Start-up Oculus VR.

John Carmack, der das Spielegenre der “3D-Shooter” entscheidend prägte (Wolfenstein, Doom, Quake) ist technischer Leiter bei Oculus. Er verließ dafür die von ihm gegründete Firma id-Software (vor dem Kauf durch Facebook).  “ I do have reasons to believe that they get the Big Picture”, versuchte Carmack die Empörungswelle über den Verkauf an das „böse“ Facebook zu beschwichtigen.

Interessanter ist es aber, den längeren Beitrag von Michal Abrahs im Oculus-Firmenblog zu lesen; der wechselte jüngst nach dem Kauf durch Facebook von der Spielefirma Valve als “Chief Scientist” zu Oculus; er sieht uns auf dem “Weg zum Metaverse” – ein Begriff den der Science Fiction-Autor Neal Stephenson 1992 in seinem Buch “Snow Crash” für eine virtuelle Realität einführte. Abrash:

“The resources and long-term commitment that Facebook brings gives Oculus the runway it needs to solve the hard problems of VR – and some of them are hard indeed. I now fully expect to spend the rest of my career pushing VR as far ahead as I can.” (Abrash ist über 50 Jahre alt.)

Derzeit sieht es so aus, dass Ende des Jahres oder im kommenden die erste Version der Oculus-Brille auf den Markt kommt; Sony will ein ähnliches Produkt bringen, auch Microsoft soll etwas in der Mache haben (was ist mit Google und Apple?). Sprich: In den nächsten ein bis drei Jahren werden Millionen Menschen VR-Brillen mit ihrem Computer oder ihrer Spielkonsole verbunden haben. Dazu gibt es Konzepte,  gängige Smartphones als VR-Brille nutzen zu können.

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Was ist eigentlich Roboterjournalismus? Teil 1: Was die Softwaremaschinen können werden

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Auch das noch: Ein weiterer Journalismusbegriff. Nach Daten, Drohnen- und Sensorjournalismus kommt jetzt auch noch Roboterjournalismus. Bei ihm dreht es sich um Software, die in Teilbereichen des Journalismus selbstständig Artikel und Berichte erstellt. Vornehmlich  wird er im Nachrichtenjournalismus, der Berichterstattung stattfinden – und nicht bei Analyse, Kommentar, Interview und Investigation. Bislang geschieht solcherlei nur experimentell, etwa bei Forbes. Doch bis 2020 dürften nicht wenige Jobs im Journalismus von Maschinen erledigt werden.

Warum dem so ist, will ich hier darstellen. Der erste Teil skizziert, welche Arbeit Roboterjournalisten übernehmen werden. Im zweiten Teil werde ich begründen, warum das nicht nur vage Science Fiction ist. Man mag sich streiten, ob Roboterjournalismus als Begriff taugt. Angesichts einer bislang mangelnden Alternative wird er hier für Algorithmenmaschinen, die komplizierte Arbeitsschritte in einem gewissen Grad autark erledigen können, verwendet.

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Kurzes making-of zur NZZ-Lobby Visualisierung

Es war ein anhaltendes Ping Pong mit Sylke Gruhnwald von der NZZ: Zusammen mit dem freien Grafiker und Programmierer Christopher Pietsch habe ich von Berlin aus an der heute erschienen Lobbyismus-Visualisierung mit der Datenredakteurin in Zürich gearbeitet. Begonnen haben wir damit vergangenen Herbst; es ist somit meine letzte Arbeit für OpenDataCity – dort schied ich zum Jahreswechsel aus.

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Fünf Jahre Datenjournalismus: Im Mainstream angekommen

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Anfang März 2009 schrieb Simon Rogers den ersten Artikel im Guardian Datablog: „This is a place to discuss data and what we can do with it.“ Rogers experimentierte mit damals neuen Tools wie Google Fusion Tables, setzte konsequent auf die Tabellen von Google Docs, probierte immer wieder neue Dinge aus und zeigte, wie ohne Programmierkenntnisse mit Daten hantiert werden konnte. Als 2010 die beiden großen Wikileaksgeschichten (Afghanistan, Irak) erschienen, konnte der Guardian auch Dank der Expertise in Sachen interaktiver Datenvisualisierung gelungene Arbeiten abliefern.

CAR, computer-assisted-reporting, gab es schon seit Jahrzehnten. 2009 war nicht das Jahr in dem Daten erstmals journalistisch online und in interaktiven Anwendungen genutzt wurde. Adrian Holovatay, dessen Text „A fundamental way newspaper sites need to change“ als ein wichtiger Impuls für Datenjournalismus gilt, hatte schon 2005 mit automatisiertem „Crimemapping“ per Datensätzen begonnen. Der Start des Datablogs des Guardians war dennoch ein wegweisendes Ereignis: Ein großes international gelesenes Medium widmete sich auf neue Weise regelmässig und explizit Datensätzen, die im journalistischen Alltag  zwar von je her eine Rolle spielten. Aber selten zuvor war Daten die Hauptrolle zugekommen und sie unmittelbar für die Schilderung eines Sachverhalts oder Vorgangs genutzt worden. Und soweit es sich nachvollziehen lässt, wurde der Begriff data-driven-journalism und Datenjournalismus 2009/2010 geprägt. Genau in der Zeit übrigens, in der auch das Thema „Open Data“ Konjunktur bekam: Datensätze wurden vermehrt als gesellschaftliche Ressource begriffen.

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Datenjournalismus im November & Dezember 2013

Eine Auswahl von Links und Materialien

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Wie effektiv kleine interaktive Datenanwendungen eingesetzt werden können, um einen Sachverhalt zu erklären, zeigt dieses Stück über Staus: What Are Traffic Waves and Why Do They Happen So Much?

Es gab diverse Jahresrückblicke:

  • die NYT mit: The Year in Interactive Storytelling (Link)
  • die Washington Post: The Year in Graphics (Link)
  • Andy Kirk (visualising data) mit „10 significant visualisation developments: July to December 2013“ (Link)
  • Robert Kosara aka EagerEyes übt einen Vorausblick: The State of Information Visualization, 2014 (Link)

Das Tool Datawrapper beherrscht nun auch Kartendarstellung. Der maßgebliche Entwickler des Werkzeugs, Gregor Aisch, beginnt dieses Jahr in der Grafikabteilung der NYT – ein Interview mit ihm findet sich hier im Blog.

Die Wind Map begeistert, weil sie die Balance zwischen „dataporn“ und nützlicher Visualierung hält – jetzt gibt es die Winddaten für den ganzen Globus als Earth Wind Map (unten links auf „earth“ klicken, um aus verschiedenen Parametern zu wählen).

Tolle Ressource: 300 sites providing freely available geographic datasets (Link).

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Die Presse im Gefahrengebiet

Bei Meldungen der Polizei wird auf journalistische Sorgfalt verzichtet

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Angesichts des Vorgangs um einen angeblichen Angriff auf die Hamburger Davidwache am Samstag, den 28.12.2013, betrachte ich hier die Rolle der Presse. Denn es geht nicht um eine Petitesse – wird doch zuletzt auch mit diesem “Angriff” die Einrichtung eines „Gefahrengebietes“ in einigen Hamburger Stadtteilen begründet – so schreibt die Hamburger Polizei in einer Pressemitteilung vom 03.01.2014:

In den vergangenen Wochen wurden wiederholt Polizeibeamte und polizeiliche Einrichtungen angegriffen. Hierzu zählen insbesondere der Angriff am 12.12.2013 auf das Polizeikommissariat 16 und die beiden Angriffe vom 20.12.2013 und 28.12.2013 auf die Davidwache.

An dem 29.12.13 –  einem Sonntag – dürfte es zwischen den Jahren nur eine dünne Besetzung in allen Redaktion gegeben haben. Um 13 Uhr kam die Pressemitteilung der Hamburger Polizei. Sie ist mit „2. Angriff auf Polizeibeamte – drei Verletzte“ betitelt. Dieses Narrativ wurde in den nächsten Tagen auch von den meisten Medien übernommen. Dabei suggeriert die Wortwahl „Angriff auf eine Wache“, dass versucht worden sei, eine Polizeistation zu stürmen. Was selbst in der Pressemitteilung der Polizei so nicht steht: Es seien Polizisten nach Verlassen der Wache angegriffen worden.

Sowohl der NDR als auch die Hamburger Morgenpost (DuMont Schauberg) – Mopo – ein Blatt mit sozialdemokratischen Wurzeln, zitierten noch am gleichen Tag Gerhard Kirsch. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Hamburg sprach vom möglichen Einsatzes von Schusswaffen. (Zur wortgewaltigen Rhetorik der zwei Polizeigewerkschaften sei dieser FAZ-Text empfohlen.) Folgerichtig erschien die Print-Mopo dann am nächsten Tag mit dem oben abgebildeten Titel.

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