Kategorie-Archiv: Journalismus im Digitalen

Von der Interaktivität – Teil 1: Snowfall & Webdokus

Diese Serie handelt von Interaktivität im digitalen Bereich. Es geht darum, dass darunter viel verstanden werden kann und es unterschiedliche Varianten gibt. Wo und wie wird das Prinzip eingesetzt, was und wann kann es etwas bringen? Letztlich geht es um die Frage, wohin die Reise in Sachen Interaktivität führen könnte.

Bear 71

Bear 71

Der Begriff Mulitmedia sollte aus dem Wortschatz getilgt werden. Er ist angesichts von Browsern, in denen selbstverständlich Texte, Bilder, Videos und Audio neben- und miteinanderlaufen trivial oder besser noch: überflüssig (so nichts sagend, wie von „neuen Medien“ zu reden, wenn man etwa über Video spricht). Doch der Begriff hat weiterhin Konjunktur; nicht zuletzt durch den Erfolg von „Snowfall“. Dieses Stück der NYT aus dem vergangenen Jahr wurde alsbald als Referenz gehandelt. Der vor Kurzem neu angetretene Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner, fasste es so:

„Auch wir sind inspiriert vom mittlerweile sehr bekannten Feature ‚Snowfall‘ der New York Times. Diese Geschichte hat eine ganze Branche wachgerüttelt – eben weil sie eigentlich gebräuchliche digitale Versatzstücke neu kombiniert, um auf packende Weise eine lange, facettenreiche Geschichte zu erzählen.“

Neben Zeit Online, die ein Stück zu Tour de France machten, versuchten sich auch andere an dem Format. Die Ergebnisse sind Nachfahren der interaktiven CD-ROMs. Ein digitales Format, das in den 90er-Jahren Konjunktur hatte, als Browser noch unbekannt oder karg und Internetverbindungen meist langsam waren: Texte, Bilder, Audio und Videos wurden über eine Menüstruktur zugänglich gemacht, die in etwa heutigen komplexeren DVD-Menüs gleichkam; das Erlebnis, die „User Experience“ (UX) war für den Betrachter meist bescheiden. Das hatte nicht zuletzt technische Gründe: Die Lese- und damit Datenübertragungsrate der CD-Laufwerke war noch nicht hoch sowie Prozessorleistung und Größe des Arbeitsspeichers niedrig, die Röhrenmonitor hatten eine geringe Auflösung. Jedes neuere Smartphone bietet heutzutage ein Vielfaches an Leistung der Rechner, die Mitte der 90er in den Haushalten und Büros üblich waren.

Die Hoffnung war damals wie heute, dass aus der Kombination von Präsentation und Interaktivität etwas entsteht, mit dem sich Themen besser berichten und prägnanter erzählen lassen; neue Zugänge und Perspektiven eröffnet werden. Dadurch soll der Konsument einen Mehrwert erfahren, weil er sich Inhalte anders erschließen und sich so besser informieren kann. Anders und besser, weil er selber zumindest die Darreichungsform und Reihenfolge der Wiedergabe der Inhalte beeinflussen kann – es eben eine individuelle Wechselbeziehung (Interaktion) gibt.

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Verpasste Chance beim „Staatsgeheimnis Bankenrettung“

Bildschirmfoto 2013-03-01 um 09.35.00

Es ist eine sehenswerte Dokumentation: „Staatsgeheimnis Bankenrettung“. Sie lief vorgestern auf Arte und ist dort noch für einige Tage komplett zu sehen (sie findet sich auch auf YouTube nur noch hier). Sie ist sehenswert, weil sie eine Idee davon vermittelt, wie ein investigativer Journalist arbeitet: In diesem Fall Harald Schumann – Redakteur für besondere Aufgaben beim Berliner Tagesspiegel. Früher war er bei der taz und beim Spiegel (siehe Wikipedia).

In der knappen Stunde der Doku wird dargelegt, dass die zentrale Frage, wer eigentlich von der Bankenrettung profitiert, von den Regierungen nicht beantwortet wird.

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Wider die Paywall: Lernt von der Gamesbranche

Es gibt eine Branche, die im Netz überaus erfolgreich ist: Die Gamingindustrie. Niemand macht es besser, wenn es um digitales Storytelling geht. Und beim Verkauf von digitalen Produkten kann die Branche auf 40 Jahre Erfahrung blicken. Sicherlich sind Konzepte wie „Micropayment“ nicht eins zu eins zu übertragen. Aber es gibt viel „best practice“ dazu, was es zu beachten gilt, will man im Netz etwas verkaufen. Stichwort „Usability“. Dazu später mehr.

Im deutschsprachigen Nachrichtenmarkt geht es zur Sache: Vielleicht täuscht der Eindruck, aber mir scheint es so, als ob die Scheitelwelle der „Zeitungkrise“ hierzulande erst noch kommt: Die FR wird vielleicht ein rein digitales Produkt, bei der FTD wird ebenfalls darüber nachgedacht, die WAZ willl erneut 20% der Mitarbeiter entlassen. In Nürnberg stirbt eine kleine, alte Tageszeitung. Eine Presseagentur schmiert ab (obwohl das wohl auch einer gewissen Hybris geschuldet war).

Viel andersweitig benötigte Energie wird durch den Irrweg namens Leistungsschutzrecht vergeudet. Doch die Gretchenfrage für Zeitungen im Internet lautet derzeit: Wie hältst du es mit der Paywall?

Kostenlosmentalität vs. Zahlschranke

Verfechter der „Zahlschranken“ argumentieren mit genuinem Content, der nicht einfach kostenfrei abzugeben sei. Denn Rechercheleistung, überhaupt journalistische Arbeit sei in ihn geflossen, ganz abgesehen von der redaktionellen Infrastruktur, die dafür notwendig sei.

Es ist erst einmal völlig richtig: Journalismus kostet Geld; und vor allem exklusiver Content lässt sich gut verkaufen. Andererseits ist es ein Irrtum, dass die kostenfreie Abgabe von Content einer „Kostenlosmenalität“ geschuldet sei, die erst mit dem Internet Einzug gehalten hat: Privatfernsehen und -radios senden seit Jahrzehnten ohne Bezahlschranken. Und die Idee, dort eine solche einzuführen, hat bislang mässig erfolgreich funktioniert (siehe Premiere/Sky). Und sie ist im Radio meines Wissens nach noch nie ausprobiert worden.

Vor allem im Lokal-/Regionalzeitungsmarkt bringt die Paywall folgende Gefahr mit sich: Qype, Yelp, Foursquare, Facebook, Ebay Kleinanzeigen usw. ersetzen schon längst Teile der ursprünglichen Dienstleistung der Lokalzeitungen. Hier Terrain wiedergutzumachen, in dem man sich zuschließt, kann nicht funktionieren – außer man hat wirklich etwas Einzigartiges zu bieten.

Durch eine Paywall schafft man überhaupt erst eine Nische für eine Konkurrenz, die ohne Beschränkung Zugang zu lokalen Inhalten anbietet. Diese Konkurrenz tritt dann eben auch in den Kampf um die lokalen Werbetöpfe ein. Wenn dann noch ein großer Player die Chance sieht, in den Lokalmarkt vorzustoßen und bereit ist, einen langen Atem zu behalten, wird es eng. Der Axel-Springer-Verlag wird sich bei dem Kauf des Städteportals meinestadt.de etwas gedacht haben.

Auch ist kaum zu erahnen, ob neue Technologien und Geräte,  Dynamiken durch neue socialmedia Trends und neue Dienste entstehen, die dann etwa dem hyperlokalen Bloggen Schwung verleihen. Und somit eine Lokalberichterstattung entsteht, jenseits der Verlage, die für viele ausreicht und den Lokal/-Regionalzeitungen weiter Wasser abgräbt.

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Das Medium ist eine Baustelle

postcard

„One glimpse of newspaper future how it looked like 20 years ago“
PostCard, 1992 – by Mark Potts – Quelle

Als ein großes Hindernis für Onlinejournalismus erweisen sich zunehmend die Content Managment Systeme, die CMS. In die Jahre gekommen, zeigen sie sich ebenso unflexibel, wie die älteren Generationen der Druckmaschinen, die nur ein Papierrollenformat verarbeiten können.

Das Konzept der CMS stammt aus der Steinzeit des Internets: Mitte der 90er Jahre kamen die ersten ihrer Art auf den Markt; das wohl bekannteste System, Typo3, gibt es seit 1998 und wurde 1999 als Open Source veröffentlicht. WordPress kam später – 2003 erschien eine erste Version. Mehr zur Geschichte der CMS hier.

Tatsächlich waren CMS seinerzeit ein Fortschritt. Nicht mehr jede einzelne Website musste händisch als HTML-Code zusammengestellt oder mit Programmen wie Dreamweaver verwaltet werden; stattdessen generierte die Website anhand einer wachsenden Datenbank aus Artikeln, vorgegebener thematischer Hierachien und diversen Code-Versatzstücken adhoc ein Webpage für den jeweiligen Besucher.

Doch heute erscheinen die CMS seltsam starr. Wirklich Neues kann dort nicht mehr passieren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass vor Jahren große Investitionen in sie geflossen sind, es gibt Verträge zu würdigen und zahllose Stunden an Trainings und Schulungen von Mitarbeitern sind vergangen; sich von diesen Softwaremaschinen zu trennen und etwas Neues einzuführen, bedeutet für Redaktionen und Verlage einen finanziellen und organisatorischen Kraftakt. So gibt es zwar immer wieder Relaunches, doch nicht selten bleibt das Redaktionssystem dahinter das selbe und damit auch seine ihm eigene eingeschränkte Funktionalität.

Bei meiner Arbeit mit OpenDataCity und auch für Lokaler (wir suchen dafür übrigens Betatester)  komme ich mit meinen Kollegen immer wieder mit CMS verschiedener Redaktionen in Berührung. Für komplexere datenjournalistische Stücke oder dem Bereitstellen von Datenströmen über ihre Informationen sind die schlecht vorbereitet.

Mit einigen zentralen Paradigmen, die CMS etabliert haben und aus dem Printwesen mitschleifen, sollte gebrochen werden. Der neue Chef des BBC brachte es kürzlich in einer Rede an seine Mitarbeiter so auf den Punkt:

We need to be ready to produce and create genuinely digital content for the first time. And we need to understand better what it will mean to assemble, edit and present such content in a digital setting where social recommendation and other forms of curation will play a much more influential role.

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Der NSU und das Versagen des Journalismus

Seit November vergangen Jahres ist der Nationalsozialistische Untergrund, kurz NSU, immer wieder in unterschiedlicher Intensität Thema. Dieser Tage kocht es wieder hoch. Und dabei wird deutlich: Die Berichterstattung, also der Journalismus rund um den Komplex bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Methoden des Crowdsourcings und Leakings sowie Verfahren des Prozess- und Datenjournalismus, die nunmehr auch nicht mehr ganz taufrisch sind, spielen hierzulande keine Rolle.

Einige Beobachtungen: Weiterlesen

Trauerspiel Berichterstattung zu Griechenland

(Aus der Serie IT-Crowd; gefunden via @kilaulena)

Ich habe mir zum heutigen Wahltermin in Griechenland das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mal angeguckt. Inspiriert dazu wurde ich von einem Text in der FAZ („Die Regie spielt falsch“) über die erbärmliche Programmplanung in ARD und ZDF für das als „Schicksalstag für den Euro“ bezeichnete Datum. Die ARD berichtet immerhin 50 min live aus Athen in seinem Weltspiegel. Und hat wohl schon vor Jahr und Tag sich darauf festgelegt, dass heutige Fußballspiel zu übertragen.

Um so mehr erstaunt es (nicht wirklich), dass das ZDF gerade einmal 10 Minuten in seinem Programm für ein ZDF special vorsieht. Das auch noch vor der ersten Hochrechnung liegt, die für etwa 19.30 Uhr erwartet wird. Ansonsten ist heute Kreuzfahrt angesagt: Traumschiff und „Kreuzfahrt ins Glück“ (Zahlen die Kreuzfahrtschifffahrtsunternehmen eigentlich für solchen Sendungen? Ist das nicht Product Placement? Schleichwerbung?).

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„Journalismus wird ersetzt“

„Leute schätzen Journalismus nicht so, wie Journalisten es tun.“ Schreibt Stijn Debrouwere in einem unlängst erschienen Essay in seinem Blog. Debrouwere arbeitet als Entwickler bei einem US-Medienunternehmen. Sitzt also im Auge des Sturms.

Er bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Debatte über die Zukunft des Journalismus führen meist Journalisten. Und die können aus ihrer Binnensicht heraus nach wie vor nicht fassen, was Debrouwere schreibt: „Ich denke, Journalismus wird ersetzt“.

Das läge nicht daran, dass guter Journalismus – investigative Stücke, Reportagen usw. – nicht wertgeschätzt würden. Doch gäbe es eine riesige Palette an Anwendungen im Netz, die schlicht viele Aufgabe des Journalismus übernommen hätten, nicht zuletzt weil sie besser Nischen bedienen würden. Sie böten die gleiche Funktionalität, nur in einer anderen Verpackung. Und die, so meint Debrouwere, wäre meistens wesentlich attraktiver als die herkömmliche journalistische Aufbereitung.

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Datenjournalismus – Wohin geht die Reise?

Am Dienstag, 20.03.2012, war ich in Wien und sprach im Rahmen der Veranstaltungsreihe twenty.twenty. Sprich, der Aufhänger war das Jahr 2020. Unten ist mein Vortrag als Video eingebettet (20 Min.). Nach einem kurzen Abriss zu Datenjournalismus an sich ging es weiter darum, wie Onlinejournalismus in den nächsten Jahren durch datenjournalistische Methoden im weiteren Sinne geprägt werden könnte – wie neue Geräte und neue Technologien dabei eine Rolle spielen. Die gesamte Veranstaltung mit der auf den Vortrag folgenden  Diskussion lässt sich hier betrachten. Unterhalb des „Bewegtbilds“ findet sich noch der Pressetext zur Veranstaltung, der auch die Mitdiskutanten vorstellt.

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Werkstattbericht: Wie der Zugmonitor entstanden ist

Dem SZblog habe ich einige Fragen rund um den Zugmonitor beantwortet:

Wie man auf die Idee kommt, Millionen Bahndaten aus dem Netz in eine Datenbank zu schreiben, um sie dann auszuwerten.

Unsere allererste Idee war, über das Informationsfreiheitsgesetz Zugang zu detaillierten Verspätungsdaten der Bahn zu verlangen. Uns war klar, dass sich damit journalistisch etwas machen ließe. Im vergangenen Sommer verfielen wir dann auf einen anderen Ansatz, der uns besser geeignet erschien: Wir begannen, die Verspätungsdaten online von der Internet-Seite der Bahn abzugreifen, zu scrapen, wie das heißt. Der Plan war, diese Daten auszuwerten und nahezu live an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Wobei wir mit der grundsätzlichen Idee nicht die ersten waren. Das Projekt zugfinder.de macht seit Herbst vergangenen Jahres etwas Ähnliches, und die Stiftung Warentest hatte zuletzt im Frühjahr 2011 ebenfalls mit ausgelesenen Daten – in geringerem Umfang – einen Report über die Pünktlichkeit der Bahn veröffentlicht. Der Unterschied zu uns ist, dass wir neben der Statistik alle Fernzüge und ihre Verspätungen auf einer interaktiven Deutschlandkarte darstellen wollten, in Echtzeit.

Weiterlesen im Redaktionsblog auf süddeutsche.de

Datenjournalismus: Bilanz 2011 und Ausblick

In Sachen Datenjournalismus war im deutschsprachigen Raum im Jahr 2011 einiges los. Manche, wie Medienjournalist Christian Jakubetz, meinen dennoch, dass der Hype um Datenjournalismus bereits zurückgehe und das Thema in zwei Jahren vom Tisch wäre.

Eine Einschätzung gegen die einiges spricht. Im Frühjahr 2012 etwa wird es eine Recherche und Datenjournalismus-Fachtagung in Hamburg geben. Das in Berlin bereits sechs Mal statt gefundene Datenjournalismus-Treffen wird im neuen Jahr am 25. Januar in anderer Form weitergehen: Mehr praxisorientiert und von mehr Leuten in der Vorbereitung getragen (die offene Mailingliste dazu findet sich hier). Und wie in diesem Jahr wird es auf der Netzkonferenz re:publica im kommenden Mai auch um Datenjournalismus und Open Data gehen.

Steigendes Interesse, auch jenseits des Journalismus

Aus Sicht meiner Warte stelle ich fest, dass die Anfragen nach Referenten- und Trainingstätigkeiten rund um das Thema stetig zunimmt; ebenso die Wünsche danach, als Interviewpartner zur Verfügung zu stehen – nicht zuletzt für Studierende, die ihre Abschlussarbeit zu dem Thema schreiben (ich schätze, dass zur Zeit mindestens fünf solcher Arbeiten im deutschsprachigen Raum geschrieben werden/ wurden – z.B. eine wie diese hier (pdf)). Weiterlesen