Claudia Schwegmann – OpenAid: Open Data in der Entwicklungszusammenarbeit

Claudia Schwegmann founder openaid germany

Claudia Schwegmann hat 2009 die Organisation OpenAid gegründet. Selbst hat sie einige Jahre in der Entwicklungzusammenarbeit gearbeitet. Im Interview erklärt sie die Hintergründe zu der Konferenz Open Aid Data Ende September in Berlin.

Frau Schwegmann, warum haben Sie Open Aid gegründet?

Claudia Schwegmann: In meiner Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) habe ich mich zuletzt mit der Wirkung von Entwicklungsprojekten befasst. Eine wichtige Voraussetzung für Wirkung ist Feedback. Die Empfänger der Hilfe müssen Rückmeldung über die Qualität der EZ geben können. Das ist nur möglich, wenn sie zu einem gewissen Grad die Prozesse und Planung kennen. Der Mangel an Informationen in der EZ war letztlich ausschlaggebend dafür OpenAid zu gründen. Später bin ich dann auf die 2008 gegründete “International Aid Transparency Initiative” IATI gestoßen, mit der OpenAid sich jetzt schwerpunktmäßig befasst.

Worum geht es bei IATI genau?

Schwegmann: Dieses Frühjahr wurden die IATI-Kriterien für einen Standard für Daten zu Entwicklungsvorhaben schließlich festgeschrieben. In einem maschinenlesbarem Format, als Open Data, sollen fünf grundlegende Informationen über Entwicklungsvorhaben gespeichert werden: Wer ist beteiligt? Worum geht es? Was soll bis wann erreicht werden? Wie lassen sich die Vorhaben einordnen und was sind die finanziellen Details?

Auf der Konferenz OpenAid Ende September in Berlin soll es um diesen Standard gehen. Was soll die Konferenz bringen?

Schwegmann: Wir erwarten 120 Teilnehmer. Ich erhoffe mir, dass so die Diskussion in Deutschland angeregt wird. Dass IATI kein Fremdwort mehr ist, dass viele Leute in der EZ erfahren, dass es diesen Standard gibt. Ich möchte, dass Leute kommen, die vielleicht skeptisch aber auch neugierig sind. Deswegen konzentrieren wir uns auf die drei Länder Deutschland, Österreich und Schweiz. In anderen Ländern, etwas den Niederlanden oder Großbritannien ist man auch auf staatlicher Seite viel weiter.

Woher rührt die von Ihnen angesprochene Skepsis? Entwicklungshilfe steht doch unter einem enormen Rechtfertigungsdruck. Liegt es nicht nahe, auf Transparenz zu setzen, um die Wichtigkeit der eigenen Arbeit unter Beweis zu stellen?

Schwegmann: Häufig spielt Angst eine Rolle. Ganz schnell wird gefragt: wie ist das mit dem Datenschutz. Mich erinnert das an die Streetview-Debatte ; es gibt oft irrationaleÄngste beim Thema Offenlegung von Informationen. Häufig beruht die Diskussion nicht ausreichend auf Fakten. Bei IATI geht es um schlichte Basisinformationen, nicht um die Bankkonten der Projektmanager.

Wie steht denn das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) unter Dirk Niebel (FDP) zu IATI?

Schwegmann: Deutschland war von Anfang bei IATI dabei, damals noch unter Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Es gibt im BMZ weiterhin ein Team, das regelmäßig an den IATI-Sitzungen teilnimmt. Dennoch ist meine Einschätzung, das das Thema für Niebel keine Priorität hat. Aus Ministeriumskreisen ist auch zu hören, dass der IATI-Standard zu detailliert oder zu anspruchsvoll sei. Anderseits äußert Minister Niebel immer wieder, dass Transparenz sehr wichtig sei. Er meint dann aber vor allem die Empfängerländer, nicht die Transparenz des BMZ. Ich finde die Haltung des Ministerium unbefriedigend; eigentlich sollte bereits seit diesen Frühjahr feststehen, wann das BMZ mit IATI beginnt. Selbst das steht nicht fest.

Was ist mit den Entwicklungsorganisationen selbst – können die nicht den Standard unabhängig vom BMZ nutzen?

Schwegmann: Meine Erfahrung ist, das wenigen Leute IATI bekannt ist. Es gibt auch Insider,die sagen, dass eine solch Transparenz schlicht nicht gewollt ist. Prinzipiell ist es möglich ist, dass die nicht-staatlichen Organisationen wie Welthungerhilfe, Misereor und Brot für die Welt diesen Standard umsetzen. Der Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtgerierungsorganisationen VENRO jedenfalls wird sich in Kürze auch mit IATI auseinandersetzen.

Wenden wir uns der anderen Seite zu. Was kann Open Data den Empfängerländern von Entwicklungsgeldern bringen?

Schwegmann: Angenommen vor Ort gibt es Leute, die sagen, die Situation hier in unserem Land im Bereich Wasserversorgung ist schlecht. Die könnten Informationen, die über Open Data zugänglich sind,nutzen, um zu sehen, bei welchen Organisationen sie Unterstützung im Bereich Wasser erhalten können. Auch wäre es einfach zu erkennen, in welchen Bereiche im eigenen Land viele Gelder fließen. Vielleicht gehen Gelder in die falsche Richtung und es könnten die Alarmglocken geläutet werden, wenn es Hinweise auf Korruption gibt. Aber tatsächlich müssen auch die Vorraussetzung dafür stimmen. Es braucht eine aktive Zivilgesellschaft, es braucht Informations- und Versammlungsfreiheit. Hier wird deutlich: Den Mehrwert von Open Data gibt es nur in Zusammenspiel mit anderen Faktoren.

Wesentlich weniger Leute im globalen Süden als hierzulande haben einen internetfähigen Computer. Was ist mit solch technischen Hürden?

Schwegmann: Es gibt Initiativen, die daran arbeiten, Informationen über Mobilfunk bereitzustellen. In vielen Ländern des globalen Südens sind Mobiltelefone weit verbreitet. Rund um das Erbeben in Haiti Anfang 2010 zeigte sich, dass beispielsweise Projekte wie die Krisenkartierungsplattform Ushahidi gut funktioniert kann. Leute konnten dort Notrufe per SMS absetzen: Mir fehlt Wasser, mir fehlt Essen. Ich weiß, dass AidData aus den USA und AidInfo aus Großbritannien daran arbeiten, über Mobiltelefone das Monitoring von Entwicklungsprojekten zu ermöglichen.

In einem Beitrag von Ihnen über das Open-Data-Portal zu EU-Agrarsubventionen farmsubsidy.org kommen Sie zu einem recht ernüchternden Schluss: Trotz mehr Transparenz gäbe es hinsichtlich Korruption und Vergeudung in diesem Sektor kaum politische Konsequenzen. Warum sollte das im Entwicklungsbereich anders sein?

Schwegmann: Bei EU-Agrarsubventionen fühlen sich die meisten EU-Bürger nicht direkt betroffen. Daher steht hier eine sehr starke Industrielobby relativ wenigen Aktivisten gegenüber. In der EZ sind viele Bürger weltweit direkt von Hilfen beispielsweise im Gesundheitswesen, in der Bildung und im Straßenbau betroffen. Zudem haben auch Bürger im Norden und die EZ Organisationen selber ein Interesse daran, dass die Hilfe wirkt, dass Effizienz erhöht, die Koordination verbessert und die Korruption bekämpft wird. Bei offenen Daten in der EZ gibt es viele Gewinner und kaum Verlierer.

Interview steht unter einer Creative Commons Lizenz CC:by

Zuerst erschienen auf zeit.de

2 Gedanken zu „Claudia Schwegmann – OpenAid: Open Data in der Entwicklungszusammenarbeit

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