Erste Gedanken zum “Next Media Accelerator” der dpa

Die dpa hat einiges an Selbstreflexion hinter sich. So lässt die Deutsche Presse Agentur ihre “Media Innovation Managerin” Pläne für einen “Next Media Accelerator” skizzieren.

Erfreulicherweise redet Jenni Schwanenberg nicht um den heißen Brei herum. Man könne bei der Agentur zwar gut managen und seine Dienstleistung erfolgreich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

“However we suck in creating new products in new markets (sorry for this openness).”

Und weiter:

“media industry innovation pace in Europe, especially in Germany has been slowing down. On some days it feels like being in a coma, paralyzed by news about the next fired editor in chief, the next newsroom being laid off, the next cry for regulations for new economy companies.”

Für diese ungewöhnlich ehrlichen Töne braucht Schwanenberg sich nicht zu entschuldigen. Denn sie spricht sicher einer Reihe von (Medien-)Journalisten und mir aus der Seele, die dieses seit Jahren immer wieder in allen möglichen Variationen bemängeln.

Einige Startups pro Jahr will der Accelerator aufnehmen; sie sollen “technolgy driven” sein und ihren Fokus auf “content, advertising or services related ideas” legen. Viel mehr ist dem Text nicht zu entnehmen. Außer, dass die Einrichtung in Hamburg entstehen, “when, who and how” noch nicht verraten und sie aus den üblichen Zutaten (Räumlichkeiten, Mentoren, Coaching, Zugang zu Netzwerken) bestehen wird. Wie es sich gehört, soll so eine „Community“ aufgebaut werden. Zu vernehmen ist, dass es noch dieses Frühjahr losgehen soll und derzeit noch eine Leitungsperson für das Ganze gefunden werden muss. Schwanenberg wünscht sich Feedback. Hier sind meine Anmerkungen:

Forschung und Entwicklung wären nötiger

Ein “couple of startups” jedes Jahr zu finden, ist ambitioniert. Im deutschsprachigen Raum sind mir vielleicht eine Handvoll Unternehmen bekannt, die als im weiteren Sinne journalistische Medienstartups durchgehen könnten. Im Bereich Werbung ist schon mehr los, der Markt aber auch recht dicht. Der europäische Raum dagegen ist ein vielversprechendes Reservoir; in Skandinavien – aber auch Osteuropa – geschieht einiges, was uns aufgrund von Sprachbarrieren oft verborgen bleiben dürfte.

Vielleicht lockt so ein Accelerator aus allen Himmelsrichtungen frische Unternehmen an oder schafft den Anreiz, es mit einem Startup zu versuchen. Allerdings befürchte ich, dass sich hier sehr an US-amerikanischen (speziell kalifornischen) Modellen orientiert wird, die wenig mit der hiesigen Hochschul- als auch Investorenlandschaft zu tun haben. Nötiger als ein Accelerator hätte das journalistische Medienwesen in Deutschland Einrichtungen der Forschung und Entwicklung (R&D). Hier herrscht großer Mangel; die journalistischen Ausbildungsstätten können in dem Bereich kaum etwas vorweisen; die Öffentlich-Rechtlichen haben es versäumt, Labore oder ähnliches einzurichten. Auch die Medienanstalten haben wenig anzubieten; die Medienanstalt Berlin-Brandenburg mabb betreibt zwar seit einiger Zeit ein “Medieninnovationszentrum” in Potsdam. Doch erfolgreiche Innovationen von dort sind so gut wie nicht zu entdecken, was nicht zuletzt mit einem recht bürokratischen Prozess zu tun haben dürfte – im Kern bleiben diese Anstalten eben Behörden. (Ergänzungen: Das Vocer Innovation Medialab ist leider mit zu wenig Mitteln ausgestattet, um eine deutlichere Wirkung entfalten zu können. Und vollständigkeitshalber sollten die Innovationsteams der ÖR erwähnt werden.)

Technologie ist teuer

Technologie zu entwickeln, ist teuer. Auch wenn es sich nur um nicht-materielle Produkte handelt. Software braucht Ingenieure, sprich Programmierer. Setzt man voraus, dass es sich um aufopferungsvolle begeisterte Startupmitarbeiter bzw. -inhaber handelt, braucht ein drei- bis vierköpfiges Team je nach Technologielastigkeit mindestens 5 bis 10.000 Euro im Monat. Nehmen wir drei Startups pro Jahr, die 12 Monate Zeit haben, ein Produkt zur Marktreife oder zu einem für Investoren interessanten proof-of-concept zu bringen – plus den Overhead für Personal und Infrastruktur des Accelerator selbst. Die dpa bzw. der geplante Fonds muss mindestens eine halbe, eher eine Million Euro jährlich bereitstellen. Fragt sich, ob und wenn ja wie viele Anteile der Fonds von den Startups als Gegenleistung verlangen wird. Zu hoffen ist, dass nicht zu hohe Gewinnerwartungen an das Vorhaben angelegt werden. Denn wenn es hoch kommt, wird vielleicht jedes zehnte Startup ein gewisser Erfolg. Millionen-Exits sind sehr sehr rar.

Leitungspersonal

Entscheidend für den Erfolg des Accelerators wird jedenfalls das Personal sein. Hier beißt sich die Katze etwas in den Schwanz: Der von Schwanenberg bemängele “innovation freeze” ist ja ein sich gegenseitig bedingendes strukturelles und personelles Problem. Journalistisches Unternehmertum jenseits des Verlagswesen gibt es hierzulande kaum. Jemanden aus dem mittleren oder höherem Management eines der größeren Verlage oder ein ehemaliger Chef- oder Leitungsredakteur dürfte wenig Fähigkeiten haben, Innovation zu fördern. Wo sollte er oder sie das gelernt haben? Und warum sollte ein erfolgreicher Unternehmer aus der Branche für die Leitung eines solchen Startup-Accelerator zur Verfügung stehen? Holt man sich jemanden aus einem anderen Land, besteht die Gefahr, dass ihm oder ihr das Verständnis für die doch recht eigene Medienlandschaft in Deutschland fehlt. Noch mehr zu befürchten ist, dass einer der mehr oder minder schillernden professionellen Internetversteher geholt wird – die würden allerdings, würden sie etwas von Innovation verstehen, bereits einen anderen Beruf haben. So oder so – ich bin neugierig, wer den Laden leiten wird.  

Lokal und regional liegt Potential

Ein Accelerator bringt mit sich, dass die Startupmitarbeiter/-inhaber dort präsent sind. Damit ist die demographische Zielgruppe recht klar definiert. Es wird sich primär um junge Menschen handeln, die bereit sind, ihren Lebensmittelpunkt zumindest für eine Zeit lang zu verlegen. Dies bedeutet damit zwangsläufig, dass der Accelerator eigentlich nur Menschen beherbergen wird, die wenig bis keine Branchenerfahrung haben. Ich hielte es für sinnvoller, dezentrale Strukturen aufzubauen und Anreize für die stetig wachsende Schar ehemaliger Redakteure/Verlagsmitarbeiter zu schaffen, ihr Wissen über Mängel und Marktlücken in redaktionellen und verlegerischen Abläufen in eine Geschäftsidee zu formen. Wenn ein Accelerator es schaffen würde, diese Erfahrungen mit dem Wissen junger Softwareentwickler zusammenzubringen, könnten auch jenseits der großen Metropolen tausend Blumen blühen.

Denn meiner Meinung nach besteht das größte Potential und der größte Bedarf für journalistische und verlegerische Innovation im Lokalen und Regionalen. Das skaliert auch hierzulande in einem gewissen Maße und es gibt dort noch genug Platz für so manches mittelständisches Softwareunternehmen bzw. potentielle Käufer aus deren Riege. Wie gesagt, die Legenden von sagenhaften Multimillionen-Exits vernebeln nur den Kopf und sie haben wenig mit dem Alltag der meisten Startups zu tun.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie genau der Accelerator der dpa funktionieren wird. Und erst einmal gebührt ihr allein dafür Applaus, die Erkenntnis zugelassen zu haben, dass der Laden dringend Schwung benötigt.

Siehe auch:

Vocer: Medieninnovation Made in Hamburg (27.12.2014) – Link

journalist.de: Loslegen, ausprobieren, scheitern dürfen (6.1.2015) Link

11 Gedanken zu „Erste Gedanken zum “Next Media Accelerator” der dpa

  1. Jenni Schwanenberg

    Lieber Lorenz,

    danke für die Anmerkungen. Erstes Feedback: Natürlich können die Teams nicht nur aus D kommen, darum ist der Text auch auf englisch und auf medium.com.

    Thema „Leitungspersonal“ (herrliches Wort) sehen wir genauso. Deshalb ist das WER und WANN auch noch unklar. Das ist natürlich auch die schwierigste Aufgabe im ganzen Setup.

    Wir wollen junge Startups, weil sie unvoreingenommen sind. Ergänzt wird das mit unserem starken Netzwerk mit den etablierten Medienunternehmen. Wissenstransfer und Vernetzung werden eine zentrale Rolle spielen.

    Eine Forschungseinheit haben wir übrigens schon lange 😉

    Liebe Grüße

    Jenni

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  2. Lukas Luft

    Forschung und Entwicklungsaktivitäten innerhalb eines Medienkonzerns bzw. Verlagshauses mögen zunächst schlüssig erscheinen, werden meiner Meinung nach allerdings eher wenig Wirkung erzielen. Dies liegt daran, dass sich Medienhäuser noch nicht als Technologieunternehmen verstehen. Doch es liegt auf der Hand: Technologieunternehmen machen Medien. Medienhäuser müssen sich daher auch als Technologieunternehmen verstehen, um neue Digitalinnovationen überhaupt hervorbringen zu können. Erst wenn sich eine Unternehmenskultur auf Basis dieser Zielsetzung bzw. Zusammenführung etabliert hat, bringen F&E Aktivitäten auch gute neue technologische Konzepte hervor.

    Dies führt unmittelbar zu Punkt 2: Den Kosten für Technologie. Und hier sind wir auch beim Fehler, den die meisten Inkubatoren und Acceleratoren machen. Mit 25.000 EUR für 10 % Unternehmensbeteiligung und 6 bis 18 Monate Unternehmensaufbau inkl. Mentoring und Netzwerken werden vll. kleine interessante Ideen entwickelt, die großen disruptiven Innovationen lassen sich so jedoch nicht finden. Dazu muss man auch mal bereit sein > 250.000 EUR für 24 Monate anzubieten. Dann kommen nämlich all die grandiosen Ideen und Konzepte zum Vorschein, die lediglich an den Entwicklungskosten scheitern. Doch diese Summen sind deutsche Medienhäuser und generell die Wagniskapitalbranche in Deutschland zumeist nicht bereit oder in der Lage zu bezahlen. Deswegen entstehen die größten disurptiven Innovationen im Silicon Valley und nicht in Europa.

    Das bedeutet hinsichtlich des Leitungspersonals zweierlei: (1) Wir brauchen Manager, welche die Verschmelzung der TIME-Märkte (Telekommunikation, Internet, Medien und Entertainment) verstehen und leben, die zuerst digital und dann erst analog denken. (2) Es müssen Risiken eingegangen werden, anstatt anderen hinterherzuhecheln. Außer Axel Springer folgt leider kein einziges deutsches Medienhaus einer vernünftigen Unternehmensstrategie, die Technologie in das Gesamtkonzept integriert. Eine losgelöste Digitalstrategie zu entwickeln zögert das unvermeidliche nur hinaus: Eine Unternehmensstrategie, welche „Digital First“-Denken etabliert und Technologie als Fundament für jegliche Medieninnovation nutzt.

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    1. Lorenz Matzat Artikelautor

      Danke für den Kommentar. Habe es ja geschrieben: Die Orientierung am Startup-Business der USA halte ich wenig zielführend, wenn es um einen Gewinn für die (journalistische) Medienlandschaft geht. Und die digitalen Unternehmungen der Axel Springer AG haben im engeren Sinne wenig bis nichts mit Journalismus zu tun.

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  3. Su Steiger

    Wahre Worte – und auch, wenn ein soclher Accelerator durchaus sinnvoll scheint, stellt sich mir die Frage: ist das der „beste“ Standort? wo geht denn die „Medien-Reise“ hin? was kann da als Start-up wachsen … und nachhaltig auch weiterbestehen über die Gründungsphase hinaus, weil es .a. auch Finanziers findet? und ‚Kunden‘?
    Erfolgsgeschichten „aus der Provinz“ überzeugen mich meist mehr, weil sie nachhaltiger sind.
    Und immerhin hat die dpa sich ja anscheinend ein paar mehr Gedanken gemacht als z.b. ein Springer, der, wie ich auch es sehe, mehr weniger Medienlastiges fördert.
    Ach ja, es gibt auch kleinere Alternative und Förderungen – mir fällt da grad das VocerLAb dazu ein.
    Danke für die Anlayse und Anregungen.

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    1. Lorenz Matzat Artikelautor

      Danke für den Kommentar. Wenn die ÖR nur 0,25 Prozent ihrers Budgets von 8 Mrd. Euro in den Ländern jährlich in Regional-Acceleratoren investieren würden/dürften, könnte da sehr viel gehen.

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  4. Pingback: Tagebuch, 6.1.2015 | franziskript.de

  5. GB

    Wenn ich mir ein Jahr später anschaue, was bisher an Startups gefördert wurde, erkenne ich keinen Sinn in diesem Accelerator Programm.

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    1. Lorenz Matzat Artikelautor

      Danke für den Kommentar. Mal abwarten, was da noch kommt. Allerdings halte ich das Programm aus den oben genannten Gründen für recht unattraktiv und vielleicht ist da auch nicht mehr zu erwarten.

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