Interview mit Datenjournalist Gregor Aisch

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Ab 2014 wird Gregor Aisch als Graphics Editor bei der New York Times arbeiten. Im Interview geht es um seine künftige Aufgabe, die Entwicklung von Data Wrapper sowie Datenjournalismus in Deutschland.

Gibt es für dich einen Schlüsselmoment, an dem dir klar wurde, dass du dich beruflich mit Datenvisualisierung befassen willst? Und kannst du in diesem Zusammenhang kurz deinen Werdegang, nennenswerte Stationen deiner Arbeit und Ausbildung umreißen?

Das Interesse an Informationsvisualisierung ist während meines Studiums der Computervisualistik in Magdeburg entstanden. Aufgrund der eher technischen Ausrichtung der Uni Magdeburg wurde der Studiengang vor allem mit industrienahen Fächern wie Elektrotechnik oder Maschinenbau oder Medizin verbunden – allesamt spannende Anwendungsgebiete für Visualisierung, für die ich mich jedoch leider nicht sehr lange motivieren konnte.

Parallel dazu habe ich seit 2002 als Web-Entwickler gearbeitet und so das Handwerkzeug für meine heutige Arbeit gelernt. Webseiten zu programmieren hat eine ganze Weile Spaß gemacht, und wir konnten für viele interessante Kunden arbeiten und mit den Projekten wachsen. Aber irgendwann ging mir das aber doch zu sehr in Richtung Werbung und so ich habe nach Ende meines Studiums versucht, mich beruflich neu zu orientieren.

Ausgangspunkt für meine ersten Visualisierungen, wie etwa die Grafik zu den Parteispenden, war vor allem mein persönliches Interesse an gesellschaftlich/politischen Themen. Ich weiß noch dass ich zu der Zeit gerade „Postdemokratie“ von Crouch gelesen hatte und irgendwie wollte ich auf meine Weise etwas gegen Korruption und Verfilzung in unserer Gesellschaft beitragen. Ob es was genützt hat sei dahin gestellt, aber ich glaube auch heute noch, dass gute Visualisierung dazu beitragen können, dass mehr Menschen sich für komplizierte Themen interessieren können.

Die Grafiken haben auf jeden Fall einen derart großen Anklang gefunden, dass ich mich anschließend nicht lange um Datenvisualisierungsaufträge kümmern musste.

In letzter Zeit hast du vor allem an dem Werkzeug DataWrapper gearbeitet; ein generisches Tool für Datenvisualisierung zu entwickeln, dürfte alles andere als leicht sein. Gibt es ein wesentliches Visualisierungsparadigma, dem du bei der Entwicklung folgst?

Das ist richtig, ein generisches Tool zu entwickeln ist so gut wie unmöglich. Wir haben uns daher von Anfang an auf einfache Diagrammtypen wie Linien, Balken und Torten beschränkt.

Uns war wichtig, dass die mit Datawrapper erstellten Diagramme möglichst korrekt sind, also grundlegenden Visualisierungsrichtlinien entsprechen. So kann man etwa die y-Achse in Balkendiagrammen bei uns nicht abschneiden, und auch die Anzahl der Elemente in einem Tortendiagrammen ist begrenzt.

Jetzt fängst du demnächst bei der NYT an. Es ist fast überflüssig zu fragen, aber was genau reizt dich, dort zu arbeiten? Und was wird dein Aufgabengebiet sein?

Nachdem ich jetzt fast vier Jahre vorwiegend allein an Projekten gearbeitet habe, reizt mich vor allem die Zusammenarbeit in dem fantastischen Team im Graphics Department.

Darüber hinaus bin ich sehr gespannt auf die Medienlandschaft in den USA. Manchmal scheint es, dass (ein Teil der) US-Medien sich zutrauen, ihr Publikum etwas stärker intellektuell zu fordern, als wir das hier in Deutschland tun. Auch werden dort Unterhaltung und Politik nicht so strikt voneinander getrennt. All das schafft mehr Freiräume zum experimentieren mit interaktiven Formaten.

Drittens freue ich mich als Datenjournalist natürlich sehr auf die vielen offenen Daten, die es in den Vereinigten Staaten gibt. Die Election Nights sind ein schönes Beispiel dafür: Während es in den USA längst im Minutentakt Auszählungsergebnisse für die einzelnen Wahlkreise eintreffen (selbst für die Bürgermeisterwahl in New York!), bekamen Journalisten in Deutschland bei der letzten Bundestagswahl wieder nur viertelstündig die Hochrechnungen für das Gesamtergebnis.

Meine Aufgabe als Graphics Editor ist vor allem erstmal die Erstellung von Grafiken für die New York Times. Eine Trennung zwischen Print- und Online, wie sie bei deutschen Publikationen noch üblich ist, gibt es bei der Times nicht. Das bedeutet jeder kann prinzipiell an Grafiken sowohl für die Print- als auch die Onlineausgabe mitarbeiten. Natürlich wird meine Spezialisierung eher auf interaktiven Grafiken liegen.

Apropro „deutsche Publikationen“: Wie lautet dein Rat für kleine und große Redaktionen sowie Verlage hierzulande in puncto interaktive Datenvisualisierungen? Wo siehst du da die größten Schwachstellen und welche Möglichkeiten?

Das ist schwierig, da jetzt pauschal zu antworten, denn vermutlich sieht die Situation in jeder Redaktion ein bisschen anders aus.

Aber ein Problem, das sicherlich überall gleichermaßen auftritt, ist der Aufbau des Know-Hows für interaktive Datenvisualisierungen (und Datenjournalismus im Allgemeinen). Ich kann nur dazu raten, sich für diesen Prozess Zeit zu nehmen und möglichst wenig Druck aufzubauen. Überdimensionierte Leuchtturmprojekte und enge Deadlines helfen mit Sicherheit nicht dabei, sich neues Wissen anzueignen oder JavaScript-Bibliotheken auszuprobieren.

Es ist sicherlich auch falsch anzunehmen, das Entwickler und Redakteure so etwas mal eben „nebenbei“ machen könnten. Rückblickend habe ich in den letzten drei Jahren als Freiberufler schätzungsweise die Hälfte meiner Zeit damit verbracht, mir neue Kenntnisse anzueignen und Technologien auszuprobieren.

Der krasse Gegensatz dazu sind dann Redakteure, die nach einem 8-stündigen Workshop bei mir noch zurück an die Arbeit mussten, weil sie nicht für das Seminar freigestellt wurden. Das das nichts bringt, müsste eigentlich jedem klar sein.

Abschließend: Besteht für dich ein Unterschied zwischen Infografik und Datenvisualisierung?

Ja natürlich besteht da ein Unterschied. Im Grunde sind Infografik und Datenvisualisierung zwei grundlegend verschiedene Dinge.

Eine Infografik ist, wie der Name schon nahe legt, eine Informationsgrafik oder, etwas allgemeiner, eine informative Grafik. Infografiken enthalten viele Dinge, darunter Text, Illustrationen, Zeichnungen usw. Infografiken verfolgen ein spezielles Kommunikationsziel, und der Infografik-Redakteur/Designer wählt Aufbau und Bestandteile so aus, dass sie dieses Ziel möglichst gut erreichen. Eine gute Infografik ist ohne weitere Vorkenntnisse lesbar und vermittelt dem Leser neues, interessantes Wissen.

Datenvisualisierungen, also die „Verbildlichung“ von strukturierten Datensätzen, verfolgen hingegen erstmal nur das Ziel, möglichst viele Daten in einer gegebenen Fläche effizient wahrnehmbar darzustellen. Datenvisualisierungen erzeugen im besten Fall neue Fragen und können ein wichtiges Profi-Werkzeug in der Analyse von Daten werden. Visualisierungen werden in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt, im Fahrzeugbau, zur Unterstützung von chirurgischen Operationen, in Dashboards zur Überwachung von Geschäftsindikatoren usw. usf.

Der Zusammenhang aus beidem sind dann Infografiken, die Datenvisualisierungen enthalten, wie etwa die fantastische Grafik Picasso’s paintings von Simon Scarr. Da sich solche Visualisierungen nicht unbedingt für jeden von selbst erklären werden sie in Infografiken in der Regel ausgiebig erklärt und beschriftet.

Gregor Aisch auf Twitter: @driven_by_data

Das Interview wurde schriftlich per E-Mail im Lauf des Oktobers und Novembers 2013 geführt. Es steht unter einer CC:by:sa-Lizenz.

Hier ein Interview mit der Datenjournalistin Christina Elmer (Spiegel Online)

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