Nachdenken über Erzählformen und Datenjournalismus in Virtual Reality

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Seit wenigen Tagen haben wir nun eine Virtual Reality-Brille im Büro. Das erste Fazit: Die Oculus Rift als „Developer Kit“ in der zweiten Version ist definitiv noch nicht endverbrauchertauglich. Die Auflösung (1920*1080 – Full HD) ist zu niedrig – für jedes Auge steht eben nur die Hälfte der Gesamtauflösung zur Verfügung. Es ist nicht unheimlich schwierig, dass Gerät zum Laufen zu bringen; benötigt wird aber zumindest Sicherheit im Umgang mit diversen Einstellungen des eigenen Rechners. Es scheint auch so zu sein, dass man sich langsam an die Nutzung des Geräts gewöhnen muss; es beansprucht die Augen, hinterlässt nach längerer Nutzung und dem Absetzen ein leichtes Gefühl der Desorientierung.

Das Headtracking allerdings scheint die Gefahr der „Seekrankheit“ deutlich zu mindern (eine Kamera erfasst die Neigung des Kopfes und erlaubt, dass man sich durch Annäherung des Kopfes ein Ding in der virtuellen Welt näher betrachten kann). Zudem ist es beeindruckend, wie schnell sich der Kopf wenden lässt, ohne ein hinterherhinkendes oder schlierendes Bild.

Was die Rift jetzt schon liefert: Eine eindrucksvolle Ahnung davon, was in ein oder zwei Jahren möglich sein könnte, wenn die Auflösung höher und die Brille leichter ist. Die Vorabversion des bald erscheinenen Spiels „Elite Dangerous“ ist dafür der derzeit wohl beste Showcase. Wer aus einer riesigen Raumstation hinausgeleitet und einen Planeten in 3D vor seinen Augen im weiten Schwarz des Weltraums hängen sieht, merkt: Diese Technologie hat durch sein Erfahrbarmachen von Räumlichkeit ein enormes Potential.

Was lässt sich also in journalistischer Hinsicht anstellen?

Inspiriert hat mich dieser Bericht aus einem Architekturbüro, der verdeutlicht, wie hilfreich es sein kann, Entwürfe von Gebäuden in virtueller Form betreten zu können. Man stelle sich begehbare Visualisierung wie diese zum Hochwasser an der Ostküste der USA oder diese zur einst geplanten Bebauung des Tempelhofer Feldes in Berlin vor.

Die Arbeitshypothese lautet: VR im Journalismus wird sich weniger um die reine Visualisierung von abstrakten Daten, etwa Zahlen über den Bundeshaushalt, drehen.* Sondern vielmehr darum, wie etwas ist, war, sein könnte. Also Situationen und Räume darstellen, die betreten werden können. Das kann auch bedeuten, zu “schrumpfen” und etwa eine Herzkammer oder einen Motor von innen zu erkunden. Oder aber zu “fliegen” und Dinge aus der Vogelperspektive betrachten zu können. Und selbstverständlich lässt sich eine Art „Reenactment“ realisieren, wie es Nonny de la Peña mit ihrem „Immersive Journalism“ praktiziert.

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Das Heiligengeistfeld in Hamburg von Norden (siehe Hochbunker ) – Daten des offiziellen Stadtmodells in Unity 3D

Hier kann dann aber wieder Datenvisualisierung ins Spiel kommen: Prozesse und Muster zeigen mit dem Abbild der realen Umgebung als Leinwand. Man stelle sich ein Gebäude vor, das man durchschreitet und etwa Messdaten zur Wärmedämmung direkt an den Stellen visualisiert bekommt, an denen sie erhoben wurden. Denkbar ist auch, dass sich Wände „durchsichtig“ machen lassen und z.B. Rohre und Stromleitung sichtbar werden.

Es lässt sich also argumentierten, dass VR Journalismus ein Genre des Datenjournalismus ist.

Denn aufgrund seiner spatialen Natur können zum einen Geodaten (Karten, Höhenmodelle) und 3D-Modelle verwendet werden (beispielsweise das Stadtmodell von Hamburg, das als OpenData in LOD1 (Level-of-detail) vorliegt). Zum anderen können sich eben diverse Datenquellen einbinden lassen, die dann im 3D-Raum visualisiert werden können.

In diese Richtung denken wir gerade. Wir arbeiten an einer konkreten Idee und stellen die in Bälde vor.

* Der Bereich des filmischen VR bleibt hier außen vor, es geht um VR per 3D-Engines.

Zuerst erschienen bei VR Journalist@vrjournalist.

2 Gedanken zu „Nachdenken über Erzählformen und Datenjournalismus in Virtual Reality

  1. Ronny

    Virtual Reality Brillen sind für mich so ein Thema, da schwingt eine gehörige Portion ScienceFiction mit. Aber wie ich sehe, lebe ich schon in einer Science-Fiction-Welt 😉

    Die Nutzungsvielfalt im Datenjournalismus kam mir dabei allerdings noch nie in den Sinn. Aber du hast recht, vor allem im Architektur-Bereich sehe ich wirklich ein großes zukünftiges Einsatzgebiet. Man stelle sich nur vor, man kann das geplante Bürogebäude schon vor dem ersten Spatenstich betreten, und das nicht „nur“ am Bildschirm – einfach unglaublich. Im Unterhaltungsbereich sehe ich aber nach wie vor das größte Potential der VR. Man darf sich auf die Zukunft freuen 🙂

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  2. Gabriel

    Sehr spannender Artikel! Ich selbst möchte mich etwas mit dem Thema Text in VR beschäftigen. Ich denke da gibt es auch einige Überscheidungen mit dem was du beschreibst. Z.B. liessen sich gewisse Hintergrundinformationen oder Geschichtserzählungen zu einem Raum gut mit Text ergänzen und v.a. auch zu einem wesentlich geringeren Aufwand für den Journalisten als mit Bewegtbild oder weiteren 3D Modellen. Ich sehe grundsätzlich 2 Challenges: Technologie und Einsatzstrategie.
    Bei der Technologie siehts momentan ja eher düster aus. Die wenigen Textbeispiele, die es gibt sind kaum für ein befriedigendes Leseerlebnis brauchbar und bei der momentan Auflösung der Rift ist das wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Da muss die Technologie noch etwas voranschreiten.
    Über Einsatzstrategien kann man sich allerdings jetzt schon Gedanken machen. Eine erste Idee, die ich hatte waren virtuelle Devices (Phones, Tablets, etc.) damit der Leser seine realen Lesewerkzeuge mit in den VR Raum nehmen kann. Allerdings muss man sich bei VR ja nicht an die Grenzen der normalen Realität halten, also könnte man sich auch komplette context (resp. Raum) switches vorstellen und den Leser on-demand beispielsweise in ein Lesezimmer projizieren. Interessant ist natürlich hier die Frage, wieviel Einschnitt in erfahrene Realität ist möglich/ertragbar.
    Die Ideen können natürlich auch noch viel weiter gehen. Wenn sich also einer von euch mal über Text im VR austauschen möchte, bin ich gern dabei.

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