Zukunft des Journalismus: Reformation statt Revolution

In den USA wird leidenschaftlich über die Zukunft des Journalismus debattiert. Worum geht es dabei eigentlich: Technologien, Geschäftsmodelle oder Aufgaben von Journalisten in der Demokratie?

Clay Shirky ist ein Apokalyptiker. Der Medienwissenschaftler aus den USA schrieb 2009 in seinem Text “Newspapers and Thinking the Unthinkable” ketzerisch: „Die Gesellschaft braucht keine Zeitungen. Was wir brauchen ist Journalismus.“ Im gleichen Atemzug kündigte er ein jahrzehntelanges Chaos an: Die ungestörte Symbiose zwischen Zeitungen, Werbetreibenden und Lesern wäre nach über hundert Jahren endgültig vorbei. Es sei an der Zeit, im Medienhandwerk zu experimentieren. Doch, so warnte Shirky, viele der Versuche seien zum Scheitern verdammt. Aber einige Experimente würden schließlich das hervorbringen, was das Nachrichtenwesen der Zukunft sein werde.

Propheten sind manchen ein Dorn im Auge. Zum Beispiel Dean Starkman, der vor kurzem einen langen Text verfasste, im dem er die von ihm als “News Gurus” Gebrandmarkten kritisiert (Update 29.12.11: Bei Vocer findet sich eine deutsche Übersetzung des Textes). Shirky macht er zu einem der Protagonisten eines “Future-of-News“ (FON) Konsenses. Jeff Jarvis, der auch in Deutschland einen Namen hat, zählt für Starkman ebenfalls dazu (Jarvis wird auch als “Cyber-Utopist” bezeichnet; sein neues Buch wurde neulich von Evgeny Mozorov brutal verrissen).

Starkman selbst arbeitete acht Jahre für das Wall Street Journal und ist derzeit als freier Wirtschaftsjournalist und Dozent unterwegs. Seine zentralen Vorwürfe an die Verfechter des FON-Konsenses lauten: Ein in seinen Augen bedingungsloser Glauben an das Positive im Wandel durch das Internet und die Ignoranz der wirtschaftlichen sowie institutionellen Grundlagen, sprich der Verlagshäuser, welche guten, investigativen Journalismus erst möglichen machten. Überhaupt sei nach dem Krisenjahr 2009 das Gröbste für das Journalismusgeschäft überstanden. Die Öffentlichkeit brauche professionellen Journalismus, nicht zuletzt im lokalen Bereich, stellt Starkman fest. Auch macht er die Internet-Technologie dafür verantwortlich, „Hamsterrad-Journalisten“ hervorgebracht zu haben, die Print, Video und Audio sowie Social-Media am besten gleichzeitig machen sollten.

Shirky ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen – und antwortete Starkman. Er hält ihm eine sentimentale, rückwärtsgewandte Haltung vor, bei der er die Augen vor der Realitität verschließe. Denn entgegen der großen Blätter wie die New York Times könnten kleine lokale Zeitungen kaum per Zahlschranke (Paywall) das wegbrechende Anzeigengeschäft kompensieren. Emily Bell vom Guardian fühlt sich ebenfalls von Starkman angegriffen. Sie erklärt das Phänomen des Hamsterrad-Journalismus’ für einen Ausdruck der Unfähigkeit der meisten Zeitungsverlage, sinnvoll Onlinejournalismus zu managen und zu gestalten.

Diese Debatte scheint gerade erst in Gang zu kommen. Und sie ist interessant, weil sie sich letztlich darum dreht, wofür wir Journalismus brauchen und welcher Gestalt er sein soll. Ein wenig eines solchen Diskurses würde man sich im deutschsprachigen Journalismus wünschen. Doch hierzulande bleibt nach dem jahrelangen und ermüdenden Blogger-versus-Journalisten-Gezänk offenbar das Urheberrecht das Hauptschlachtfeld, speziell das „Leistungsschutzrecht“ der Verlage. Als innovativ gilt in den Redaktionen allenfalls, so der Eindruck, auch den renitentesten Offlinern die Nutzung von Social-Media beizubiegen.

„Wie konnte eine Branche, die von der Neugier lebt, die Lust auf das Neue verlieren?“, fragte unlängst Stefan Plöchinger in einem Essay. Er ist seit knapp einem Jahr Chefredakteur des Onlineauftritts der Süddeutschen Zeitung. Plöchinger beantwortet seine Frage gleich selbst: Journalisten schreiben gerne über Revolutionen, sind aber ungern Teil davon.

Doch Revolution ist ein großes Wort. Und Revolutionen dauern eigentlich nicht Jahrzehnte. Ein Bildersturm findet nicht statt, das alte wird nicht verschwinden. Gedruckte Zeitungen, Bücher aus Papier wird es weiterhin geben. Schließlich geht es nur im Vordergrund um das Trägermedium, auch wenn immer wieder Arien auf die Haptik der Zeitung am Frühstückstisch gesungen werden. Vielmehr haben wir es mit einer „Reformation“ im eigentlichen Sinne des Wortes zu tun – ohne den religiösen Beigeschmack: Eine Branche formt sich um, erneuert sich.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, Philip Meyer zuzuhören. Er hielt neulich eine Rede vor der Österreichischen Wissenschaftsakademie. Der heute 80-Jährige schrieb Ende der 60er Jahre des vergangen Jahrhundert ein wegweisendes Buch, das den Begriff Präszisionsjournalismus etablierte. Meyer warb für Einsatz von Methoden der empirischen Sozialwissenschaft in der journalistischen Recherche. Das neue Genre Datenjournalismus fußt auf diesem Ansatz. Meyer wirbt dafür, narrativen und präzisen Journalismus zusammenzuführen. Wie das aussehen könnte, versucht Jonathan Stray, Entwickler bei der Nachrichtenagentur AP, zu ergründen. Seine Stücke über diverse Aspekte und Ideen rund um die Zukunft und Aufgaben des Journalismus sind inspirierend und lesenswert.

Ein Dreh- und Angelpunkt des Ganzen dabei ist sicherlich ökonomischer Natur. Wie finanziert man Journalismus? Wie viele Reporter und Redakteure braucht es, wie viel Verlagsmitarbeiter und Posten im Management und den Chefetagen? Und repräsentiert journalistische Arbeit eine Ware oder einen Wert: Die einen sprechen vom Wesen des Journalismus im Internetzeitalter und die anderen machen sich Gedanken darüber, wie Journalismus als Geschäft betrieben wird. Wie bringt man das zusammen?

Aber sind die Vorgänge in den USA, wo 30 Prozent der Zeitungsredakteure in den vergangen Jahren ihren Job verloren haben, überhaupt mit der Situation in Europa oder gar Deutschland vergleichbar? Ja. Nicht in der Heftigkeit vielleicht und strukturell anders gestrickt. Aber die Zahl der arbeitslosen Journalisten und Redakteure stieg in Deutschland 2009 um 15 und 2010 um 10 Prozent – dieses Jahr dagegen scheint die Zahl aber wieder zu sinken (dazu mehr im DJU-Magazin: Ein Leben zwischen den Extremen). Eins lässt sich nicht bestreiten: Das Werbebudget wandert auch hierzulande kontinuierlich ins Netz. Dort balgen sich inzwischen viel mehr Akteure um die Fleischtöpfe als in der Zeit vor der Jahrtausendwende.

Der Wandel der Musikbranche mag als Blaupause dienen; sie hat bereits eine Phase der Neujustierung durchlebt. Das Fazit: Der Musik als Kunstform hat die Demokratisierung durch den digitalen Vertriebs der Werke nur gut getan. Bei den Buchverlagen stellt die Digitalisierung einiges auf den Kopf und wie es ausgehen wird, ist noch längst nicht entschieden. Und auch bei einem weiteren Intermediär von Inhalten steht ebenfalls ein großer Wandel bevor: Dem herkömmlichen Politikbetrieb geht es derzeit an den Kragen. Der Erfolg der Piraten ist ein Fingerzeig dafür.

Insofern passt das zur Zeit oft verwendete Bild der „Disruptionen“, welche die Internettechnologie mit sich bringe. Die Medienlandschaft ist permanenten Erschütterungen ausgesetzt. Erschüttert wird im Journalismusbereich vor allem das Geschäftsmodell von Verlegern und Druckereien. Damit geraten aber auch ihre Rolle als Arbeitgeber ins Wanken. Was machen wir mit den Kolleginnen und Kollegen, die bei der anhaltenden Digitalisierung auf der Strecke bleiben werden?

Überhaupt sind viele Fragen offen. Weniger, wie die althergebrachten Geschäftsmodelle krampfhaft am Leben gehalten werden können – Stichwort Leistungsschutzrecht. Sondern mehr solche darüber, wie Journalismus in Zeiten des Internets aussehen soll. In Zeiten, in denen Online 90 Prozent der Inhalte der Zeitungswebsites aus den gleichen Agenturmeldungen zu bestehen scheinen und das eben für alle offensichtlich ist.

Brauchen wir jetzt einen starke Onlinejournalismus-Verband, wie ihn etwa Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online fordert? Und wo sind hierzulande die Stiftungen, die unabhängigen investigativen Journalismus fördern, wie beispielsweise Pro Publica in den USA?

Shirky hat jedenfalls recht: Es ist müssig, über das Trägermedium zu sprechen. Online versus Print auszuspielen. Vielmehr sollte es darum gehen, was wir eigentlich für eine Berichterstattung wollen und brauchen.

Zuerst erschienen auf netzpolitik.org

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