Nach Wikileaks: Whisteblowing als etablierte Methode (Update)

Popstar: Standbild aus einem Musikvideo - Link unten

Die US-Regierung ist in der Klemme und reagiert alles andere als souverän: Einerseits propagiert sie das Diktum des „Open Government“ und hat einen Datenkatalog für OpenData gestartet. Doch im Umgang mit Wikileaks (und nicht den Medienhäusern, die das Material von der Organisation annahmen) reagiert sie andererseits im kompletten Widerspruch dazu. Dabei stellt sich die Frage, ob Wikileaks eine Form von OpenGovernment ist.

Tatsächlich wäre es seitens der USA angebracht gewesen, das Leak sportlicher zu nehmen und diejenigen, die zum Mord an Julian Assange aufrufen, in ihre Schranken zu verweisen. Und dann eben dafür zu sorgen, sensible politische Kommunikation zukünftig sicherer zu organisieren.

Dem entgegen tut die US-Regierung das Dümmste, was sie tun kann: Sie versucht eines der Leuchtturmprojekte der freien Meinungsäußerung in die Knie zu zwingen. Und scheint das so ahnungslos anzugehen, wie ein Abmahnanwalt, der keine Schimmer davon hat, zu welchem Reputationsverlust das für den Klienten führen kann.

Und so kam es, das in kürzester Zeit jeder Armchair-Activist seine Tastatur und Maus in den Dienst von Wikileaks stellt – so sind beispielsweise weltweit die Piratenparteien auf den Zug aufgesprungen: Hunderte gespiegelte Instanzen von Wikileaks entstanden in wenigen Tagen. Auf Seiten der US-Regierung hat man offenbar unterschätz, dass Wikileaks nicht zuletzt deswegen so gut funktioniert, weil es ein paar sehr fähige Leute an Bord hat, die etwas von Netzwerktechnik und Servern verstehen. Und dass die Macher der Plattform äußerst gut mit den diversen Hackern und Geeks vernetzt sind, die im kleinen und großen schon lange das Projekt unterstützen.

Julian Assange  als Popstar

In Zeiten, in denen mit dem Freibeutertum kokettiert wird („Piratenpartei“) avanciert jemand wie Julian Assange zu einem Popstar. Dass da ein tragisches Ende durchaus mit zur Erzählung gehört, zeigte das Leben von Michael Jackson. Assange genießt jedenfalls das Rampenlicht, das wird offensichtlich in einem Musik-Videoclip (ab Min. 4.55).

Auf Seiten des Guardian und Spiegel, die exklusiv Zugang zu den Depeschen haben, wird sich in Schweigen gehüllt (die NYT bekam wohl vom Guardian den Datensatz). Eigentlich sollte die Profiteure von Wikileaks für die Organisation aktiv in die Bresche springen – warum spiegelt keines der Medienhäuser eine Instanz von Wikileaks, fragt Jeff Jarvis richtig.

Schwer treffen könnte Wikileaks derzeit eigentlich nur, wenn Twitter einknicken und den Account der Organisation sperren würde – der hat immerhin fast 400.000 Follower und dient derzeit als zentrales Kommunikationsmedium im besten Sinne von „Microblogging“. Doch wird sich Twitter sehr gut überlegen, ob es in ein vorauseilendes Gehorsam verfällt, wie Amazon und Ebay/Paypal – die sich jetzt schon Boykottaufrufen ausgesetzt sehen.  Aber der weitaus wichtigerer Grund: Die Karawane im Netz zieht schnell weiter: Wer redet heute noch von MySpace? Oder Netscape? Ein eben noch florierender Service kann innerhalb von wenigen Monaten an Bedeutung verlieren. Zwar fristet identi.ca immer noch ein Nischendasein, steht aber jederzeit bereit, Twitter zu ersetzen.

Das gleiche droht auch Wikileaks. Die Organisation hat bislang immer noch nicht die 250.000 Diplomaten Depeschen veröffentlicht. Sondern erst weniger als 1000 davon. Weitere 500.000 stehen angeblich noch aus. Warum das Archiv nicht komplett freigegeben wird, bleibt ein Rätsel und führt zu Unmut (etwa hier: Der Wikileaks-Flop). Jedenfalls betreibt Wikileaks ein seltsames Spiel und begünstigt das Geschäftsmodell von Spiegel, Guardian und NYT, die ebenfalls nur tröpfchenweise Dokumente veröffentlichen.

Die Gnade der Veröffentlichung durch Wikileaks

Zurzeit reitet Wikileaks auf einer Welle der Solidarität – zu Recht. Doch wenn sich die Wogen früher oder später geglättet haben, wird sich die Organisation Fragen lassen müssen, warum sie diese seltsame Veröffentlichungspolitik betreibt. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie einfach von der entstehenden Konkurrenz ersetzt werden. Und ein Teil der Whistleblower wird ihr Material auch auf eine andere Seite hochladen können und nicht auf die Gnade der Veröffentlichung durch Wikileaks angewiesen sein.

So befindet sich offenbar ein Projekt namens openleaks.org im Aufbau (siehe „WMD- WikiLeaks of Massdisruption„); ob es sich dabei um das vom ehemaligen Wikileakssprecher Daniel Domscheit-Berg handelt, ist unklar. Der redet derzeit freizügig mit diversen Medien, etwa der FAZ, nicht zuletzt um sein Buch zu promoten. Ob sich Whisteblower wirklich einer offenbar so gesprächigen Organisation anvertrauen wollen, die als Stiftung in Deutschland auftreten will, sei dahingestellt. Der Nimbus von Wikileaks rührt daher, dass sie zuerst eine mehr oder minder klandestine Gruppe ohne Postanschrift war. Unklar ist auch, wofür genau eine Zeitungen einen „mittleren fünfstelligen Betrag“ für die Dienstleitung der Leaking-Plattform von Domscheit-Berg zahlen sollen. (UPDATE, 6.12.2010, 18:30 Uhr: Domscheit-Berg bezieht in einem Kommentar unter dem FAZ-Artikel Stellung: „Die Aussagen von Herrn Ankenbrand zu den Kosten fuer die neue Plattform sind irrefuehrend und so nicht richtig.Ich bitte einfach abzuwarten. Wir werden Details zu dem Projekt in den naechsten Wochen bekanntgeben, und es wird sich alles klaeren. Es geht hier nicht um ein Profit-orientiertes Projekt oder aehnliches – ganz im Gegenteil.“)

Letztlich könnte jede Zeitung einfach selbst eine Leaking-Schnittstelle anbieten. Also schlicht einen PGP-Schlüssel für eine entsprechende Emailadresse anbieten oder auf einen Dienst wie PrivacyBox zurückgreifen. Dem eventuellen Informant wäre nur anzuraten, am besten einen öffentlichen Rechner in einer Bibliothek etc. zu nutzen. Oder schlicht eine Micro-SD Karte oder USB-Stick an eine Redaktion schicken (an Forensik denken und Fingerabdrücke abwischen etc.).

Whistleblowing wird Mainstream-Methode

Die Hoffnung von Julian Assange, dass Wikileaks überflüssig wird, könnte bald eintreten: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er in den kommender Zeit zumindestens zeitweilig von Sicherheitsbehörden in Gewahrsam genommen wird. Da er offensichtlich die zentrale Figur von Wikileaks ist, könnte das das Ende für die Organisation bedeuten, auch wenn es mit einem großen Knall enden könnte: Der Anwalt von Assange sprach gegenüber BBC von Material, das einem „thermo-nuclear device“ gleich käme und notfalls veröffentlicht würde.

So oder so, die Idee des „Whistleblowing“ ist zum Mainstream verkommen geworden. Leute, die vorher nie daran gedacht haben, so etwas zu tun, dürften die Methode jetzt kennen und ggf. sensible Informationen aus ihrer Institution preisgeben. Über welche Plattform oder Schnittstelle ist letztlich egal. Die Zeiten für Intermediäre, Zwischenhändler, wie Wikileaks könnte schnell vorbei sein.

Eine Auswahl von lesenswerten Artikeln:

Der Gegenverschwörer (SZ 2.12.2010)

Mächtige spüren die Macht der Hackerethik (SPON 3.12.2010)

Wikileaks und offene Daten – zwei Seiten einer Medaille? (Zeit.de 5.12.2010)

Eine gute Übersicht weiterer Texte findet sich auf medialdigital (5.12.2010)

6 Gedanken zu „Nach Wikileaks: Whisteblowing als etablierte Methode (Update)

  1. Adrian

    Hallo,

    der Link zum Artikel „Der WikiLeaks-Flop“ ist mit „Der Wikimedia-Flop“ benannt. Ein ähnlicher aber weitaus peinlicherer Schnitzer in diese Richtung ist neulich auch der Welt online passiert – und bis heute nicht korrigiert worden.

    Das ist ja auch ein Grund, warum Jimmy Wales WikiLeaks nicht so gerne mag, weil er glaubt, dass Wikimedias Image unter der Namensähnlichkeit leiden könne…

    Ciao
    Adrian

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