Warum das Lobbyradar so kaum zu gebrauchen ist

lobbyrad

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt der Datenjournalismus an. Das zeigt auch ein für Juli anberaumtes Treffen namens „ARD/ZDF Roundtable Datenjournalismus“.

Das ZDF hat jetzt mit einer Reihe von Unterstützern ein Lobbyradar herausgebracht. Es sieht eindrucksvoll aus. Und leider bleibt es dabei: Es ist eher ein Stück aus der Kategorie Data Porn und hat mit Journalismus nur bedingt zu tun.

Warum?

Generell ist Journalismus das Metier, das relevante von irrelevanten Informationen trennt. Genau das tut das Lobbyradar nicht. Es fehlt die analytische Schicht. Das Tool ist eigentlich nicht fertig. Es ist technisch beeindruckend gemacht und fusst auf einer umfassenden Datengrundlage. Doch fehlt die Möglichkeit, diese zu filtern. Also für Lobbyismus relevante Verbindungen von irrelevanten zu trennen. So bleibt die Visualisierung sehr unübersichtlich, weil sich keine Informationen ausblenden lassen.

Im FAQ wird erläutert, was das Lobbyradar aussagen will:

“Unsere Datenbank enthält die Akteure, die für den Lobbyismus in Deutschland eine Rolle spielen. Dazu gehören Personen, Firmen, Parteien, Verbände und NGOs, politische Institutionen, Think-Tanks, Stiftungen und PR-Agenturen. Lobbyradar zeigt, wie sie miteinander in Verbindung stehen. Eine Verbindung kann eine Parteispende sein, eine Mitgliedschaft oder ein Arbeitsverhältnis.“

Aber was heißt “eine Rolle spielen”? Tun die genannten Akteure es oder tun sie eben nicht? Das ist ja die interessante Frage. Es ist erst einmal eine triviale Information, dass besagte Akteure im politischen System miteinander zu tun haben. So heißt es im FAQ darüber, was man eigentlich erreichen will:

“Schwierig wird es, wenn Lobbygruppen mit mehr Geld oder besseren Kontakten mehr Einfluss haben als Lobbys mit weniger Mitarbeitern und finanziellen Möglichkeiten. Und wenn niemand außerhalb etwas davon mitbekommt. Dann besteht die Gefahr, dass Politiker nicht im Sinne der Allgemeinheit entscheiden, sondern sich die Interessen Einzelner durchsetzen.”

Sollte es nicht genau Aufgabe des Tools sein, dies als “schwierig” bezeichnetes Phänomen herausarbeiten zu können? Das würde besser gelingen, könnte ich eben in dem Tool filtern: Also etwa sagen, blende alle Verbindungen aus, die auf Mitgliedschaften beruhen. Oder zeige mir nur Wirtschaftsverbände sowie Institutionen des Bundestages an.

Hilfreich wäre, wenn mehr Farben zum Einsatz kämen: Alleine unterschiedliche Einfärbungen der Interessensvertretungen und Institutionen des Parlamentarismus würden enorm helfen. Thematische Filter wären dann die nächste Stufe, also zeige mir z.B. alles zum Thema Umwelt – aber das wäre mit mehr Aufwand verbunden, weil die Daten wahrscheinlich nur halbautomatisiert klassifiziert werden könnten und einiges an manueller Arbeit benötigt würde.

Parallel zum Tool veröffentlicht das ZDF Beiträge zum Thema Lobbyismus. Etwa über Einflussnahme der Pharmaindustrie. Dort ist die Rede davon, dass an Personen Gelder fließen. Wäre das nicht gehaltvolle Informationen, die im dem Tool die Bewertung von Verbindungen erleichtern könnten?

Wünschenswert wäre, wenn sich Personen und Institutionen in einer Merkliste sammeln und man sich so eigene Netzwerke herausschälen könnte. In der Art, wie es exemplarisch in dem Ansichts-Auswahlmenü für verschiedene Themen möglich ist  – z.B.  “Rüstung” (hier böte sich noch eine embed-Funktion an).

Fazit: Das Lobbyradar ist in der jetzigen Form kaum zu gebrauchen. Es ist visuell zu überladen und hilft mit seiner einzigen Funktion, der Suche, nicht dabei, Lobbyismus transparenter zu machen. Es wäre zu wünschen, dass es eine zweite überarbeitete Version geben wird. Denn die Intention hinter dem Projekt ist begrüßenswert und die Datengrundlage ist beachtlich.



Update, 6.5.15, 08.20 Uhr
:

8 Gedanken zu „Warum das Lobbyradar so kaum zu gebrauchen ist

  1. Pingback: Lobbyradar.de – Verbindungen sichtbar machen

  2. Falk D.

    Cahoots zeigt zu Claus Kleber gleich drei Einträge an. Das ZDF Lobbyradar: keinen.
    Das Lobbyradar scheint insgesamt auf einigen Augen blind zu sein. Ich frage mich daher schon, warum eine derart von politischem Klüngel und Seilschaften durchsetze Organisation wie das ZDF denkt, eine Glaubwürdigkeit zur Aufdeckung von Lobby-Netzen inne zu haben.

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  3. Tim Landscheidt

    Das Zitat bringt die Voreingenommenheit ja sehr gut auf den Punkt:

    Schwierig wird es, wenn Lobbygruppen mit mehr Geld oder besseren Kontakten mehr Einfluss haben als Lobbys mit weniger Mitarbeitern und finanziellen Möglichkeiten. Und wenn niemand außerhalb etwas davon mitbekommt. Dann besteht die Gefahr, dass Politiker nicht im Sinne der Allgemeinheit entscheiden, sondern sich die Interessen Einzelner durchsetzen.

    Ohne Lobbyisten entscheidet der enthemmte Politiker treffsicher „im Sinne der Allgemeinheit“, sobald jemand mit einer Meinung ihm einen Guten Morgen wünscht, wird hingegen jeder Idealismus und jedes Pflichtgefühl in den Lokus gespült.

    Wenn der örtliche Bürgermeister hier vor ein paar Tagen auf einer Demonstration einer Lobbyistenorganisation war, die das Ereignis sogar mit einem Feiertag hat edeln lassen, dann bedeutet das nicht, dass er beeinflusst wird, sondern dass er die Argumente und Werte teilt.

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  4. Maren Müller

    Test:
    DGAP –> “Es konnten leider keine Einträge gefunden werden”
    Konrad-Adenauer-Stiftung -> 8 Verbindungen (Staudacher, Hintze, Gröhe, Grütters, Kauder, Lammert, Merkel, CDU)

    Zum Vergleich Resultate bei Lobbypedia:
    http://lobbypedia.de/wiki/Deutsche_Gesellschaft_f%C3%BCr_Ausw%C3%A4rtige_Politik
    http://lobbypedia.de/wiki/Konrad-Adenauer-Stiftung

    Gehört die zweite Erfindung des „Rades“ zum Grundversorgungsauftrag öffentlich-rechtlicher Sender?

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  5. Zinnober

    Ich habe mich gestern auch etwas hilflos durch die Anwendung geklickt und war ebenfalls schon ein wenig enttäuscht. Heute habe ich dann die schöne Funktion des Browserplugins entdeckt. Auf Webseiten auf denen ein Politikername auftaucht werden bei Rollover die Verbindungen sichtbar. Das ist jedenfalls ein hübsches Feature.

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  6. Dirk

    Richtig. Super Ansatz. Aber bleibt Klickibunti und ist kein wirkliches Werkzeug, mit dem gezielte Fragestellungen visualisiert werden können.

    Da war das gute alte http://theyrule.net/ (das inzwischen auf http://littlesis.org/ basiert) vom Ansatz her 2001 schon weiter – man konnte eigene „Maps“ gezielt finden und für andere speichern. Ok. Nur Firmen, Vorstände, Aufsichtsräte, etc …

    Eine API gibt es offensichtlich leider auch nicht …

    Schade.

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  7. Pingback: Mehr Transparenz durch Datenjournalismus? ZDF stellt Lobbyradar vor | Widerhall

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